Zu behaupten, meine Geschmacksnerven wären an erlesenen Köstlichkeiten dazu ausgebildet, selbst die kulinarisch feinsten Speisen würdigen zu können, wäre glatt gelogen.
Das, was viele als Lebensart bezeichnen, nämlich möglichst exotisch klingende Dinge zu essen und dann damit anzugeben, ist mir in den allermeisten Fällen wirklich schnuppe. Behaupte ich zumindest. Manchmal sind es aber doch ganz andere Gründe, die mich davon abhalten, dies oder jenes wenigstens zu probieren:
Ich möchte mich nicht lächerlich machen, weil ich nicht weiß, wie man das ausspricht.
Ich möchte mich nicht lächerlich machen, weil ich nicht weiß, wie man das ißt (trinkt).
Ich möchte mich nicht lächerlich machen, weil ich nicht weiß, wie ich es bezahlen soll.
Meist bin ich ja recht schmerzlos im Umgang mit dem, was man so seinen Stolz nennt, hier allerdings stößt diese Berliner Görenhaftigkeit an ihre engen Grenzen. Klar, es gibt auch einheimische Nahrungsmittel, die vielen Latte Shuhuu-Trinkern unbekannt sein dürfte, oder wer kann sich noch an den Geschmack von Sauerampfer oder etwa Zuckerrübensirup erinnern?
Gestern bin ich mal ganz abenteuerlustig auf Entdeckertour gegangen und habe etwas getrunken, was mir vorher noch nie über die Lippen gekommen war: Bionade (Litschi und Holunder). Das ist jetzt nicht wahnsinnig exotisch, im Gegenteil, nur hatte ich bis dahin nie den Drang nach diesem In-Gesöff (angeblich sollen ganze Berliner Stadteile in junkiehafte Panik geraten, wenn die Bionade-Versorgung ins Stocken gerät, alternativ lebt man hier auch von Club-Mate, habe ich mir sagen lassen). Ja, war ganz okay, der Geschmack, aber man muß ja nicht alles mitmachen.
Vorgestern gab es Bananenkuchen und eine Schokotarte, die im Prinzip nichts war als konzentrierter Kakao mit Butter, in Kuchenform, allerdings von der Höhe eines durchschnittlichen Tortenbodens. Danach werde ich mich noch monatelang zurücksehnen. Und ansonsten gilt: Das Leben ist noch lang, da wird sich schon noch eine Gelegenheit ergeben, Hummer, gut gemachte Kürbiscrèmesuppe oder echte Spätzle zu kosten.
(Das war, weil mit dem Geschmack von Zartbitterschokolade auf der Zunge und der Vorfreude auf noch ungeahnte Köstlichkeiten, quasi ein Schwangerenpost. Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, welche lustvollen Qualen mir auch nur die Nennung bestimmter Nahrungsmittel, und zwar in jeder Sekunde andere, potenziell aber alle, auslöst. Ich bin ein wandelndes Appetitopfer und kann kaum noch eine klaren Gedanken fassen, der sich nicht zumindest auf die Geschmacksrichtungen süß-sauer-salzig bezieht.)
Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht ein mal was eine Tarte ist :)
Kommentar von dan am 27. November 2007 um 00:18 | Link
Man kann sowas ja unterschmuggeln. Nehmen wir nur mal dieses unscheinbare Gratin mit Broccoli, Tomaten, Kürbis und Kartoffel hier:
rebellmarkt.blogger.de/st...
Niemand würde ahnen, dass sich unten, in der vorletzten Schicht eine Lage Palmkohl befindet, ein recht seltenes, im Barock jedoch als Luxusspeise geschätztes Gemüse, das man unbedingt probieren sollte. Es verleiht dem Gratin eine leicht südasiatische Note, ohne dass man Gäste vorher fragen müsste, ob sie etwas mögen, was sie in aller Regel nicht kennen.
Kommentar von Don Alphonso am 27. November 2007 um 00:56 | Link
diesen bionade hype werd ich nie verstehen. die eine bionade die ich trank hätte man am besten mit mineralwasser 1:1 verdünnt. zu süß, zu sirupig, zu ich weiß auch nicht … hatte auf jeden fall keinen bedarf nach einer zweiten.
außerdem führt bionade nachgewiesenermaßen zu”originellem” styling und komischen haarschnitten, was ich an anderen ganz schön finde für mich persönlich aber vermeiden will.
was die spätzle anlangt schick ich dir gern ein rezept für den teig, technische hilfe beim mechanischen teil leistet dir sicher der herr grau.
alternativ gibt es auch hilfsmittel deren anwendung für dich gefahrlos sein sollte da du ja als nicht schwäbin keine bannbulle des schwäbischen hausfrauenordens zu gewärtigen hast.
Kommentar von westernworld am 27. November 2007 um 12:03 | Link
Zuckerrübensirup ist ganz furchtbar. Die Omma ist dieses Zeugs zu gerne. Ich bevorzuge dann doch ganz normalen Honig von Ommas Gartennachbarn geschleudert. Und ich esse eben auch gerne Kohlrouladen mit einfachen Salzkartoffeln. Vergangenes Jahr im Spreewald aß ich nach Jahrzehnten wieder mal Tote Oma. Was hat sie mir doch geschmeckt, wenn auch magenmäßig einiges verdorben hinterher. Na ja und dann eben auch gerne Hühnerfrikassee mit Essigessenz und Zucker. Manchmal auch Letscho mit Nudeln. Und dazu eine einfache Brause.
Kommentar von schtoeffie am 27. November 2007 um 15:27 | Link
@schtoeffie
tote oma? ich hoffe ihr habt das mit dem leichenschmaus nicht zu wörtlich genommen im osten.
Kommentar von westernworld am 27. November 2007 um 18:38 | Link
ich glaube im rheinland heißt das himmel und erde. oder blutwurscht! :-) (neben rosenkohl und sauerkraut das ekligste was gibt)
Kommentar von sunny am 27. November 2007 um 19:47 | Link
@ dan: Kannste mal sehen, das ist so richtig was mit Bildung hier. *g*
@ Don Alphonso: Arrghh! Da bekommt die Preußin doch glatt wieder Heißhunger! Seit gestern nacht übrigens, aber da hat dann mein Blog? Server? Technik? schlappgemacht. Sie sind aber auch was gemein!
@ westernworld: Au ja, Spätzle! Aber, wie gesagt, im Moment geht alles. Alles ist lecker, wenn es nur nicht zu schwer und zu würzig ist.
@ schtoeffie: Letscho! Blutwurst! Frikassée!
Kommentar von Julie Paradise am 27. November 2007 um 19:56 | Link