Entschlossen. Enttäuschung. Entrüstung. Entscheidung?

Der Karpate und ich werden einander heiraten. Standesamtlich, Ende November im Rathaus Köpenick.

Nach den ersten Glückwünschen folgen fast immer die gleichen Fragen:

Und dann im Sommer kirchlich? So richtig mit weißem Kleid? — Nein, wir heiraten nicht kirchlich. Der Karpate muß nicht einmal einen Anzug tragen auf dem Standesamt.

Habt ihr schon Ringe? — Die Ringe haben zusammen zusammen 32 Euro gekostet, mal sehen, was das Silber aus dem Kaufhof hält.

Änderst du deinen Namen? — Meinen Namen behalte ich, der ist schön und selten und ein Teil von mir. Das Baby kann gern seinen Namen tragen, da bin ich gänzlich unsentimental und gönne dem kleinen Menschen, daß er einen Namen führt, den man nicht dreimal buchstabieren muß, damit er richtig geschrieben wird.

Gibt es eine große Feier? — Eine Feier wird es nicht geben, nur ein kleines Essen mit zehn unserer Verwandten. Chinesisch. Das finden alle lecker. Danach geht’s direkt ab nach Köln, wo ich eigentlich auf das Machine Head-Konzert gehen wollte, mit dem Jeriko, aber angesichts meines instabilen Kreislaufs, besonders jetzt, hat mein Ticket einen anderen, glücklichen Abnehmer gefunden. Wobei die Idee, die Hochzeitsreise nach einem Metal-Konzert auszurichten, schon irgendwie cool war.

Tut ihr das nur weil ein Baby unterwegs ist? — Heiraten wir wegen des Kindes? Nein. Jein. Doch, irgendwie. Das war der Deal. Der Karpate bekommt sein Baby (auf das ich mich natürlich auch wahnsinnig freue, nur einer muß in einer Beziehung den Anstoß geben, und bei uns war er derjenige) und ich bekomme das Verheiratetsein. Irgendwann siegte auch bei ihm der Pragmatismus, die Aussicht auf Steuer- und Bürokratieerleichterung. Haus(aus)bau, Riestern, … das mag wahnsinnig spießig klingen, es vielleicht auch sein, aber die Aussicht, den Rest unseres Lebens zusammen zu verbringen ist mittlerweile selbstverständlich für uns beide. Wir gehören zusammen, basta. Auch wenn man manchmal kleine Umwege gehen muß, um Kleinigkeiten wieder schätzen zu lernen.
Und ich fand die Vorstellung, verheiratet zu sein, schon immer schön. Das will ich jetzt gar nicht groß erklären, nur bemerken, daß sowohl meine Großmutter als auch meine Oma “ihren Mann” geheiratet haben, während mein Opa eben mein Opa war, aber ein zweites Mal zu heiraten? Nein, das kam nicht in Frage. Auch der Vater meiner Schwester war “mein Mann”, im Gegensatz zu meinem Vater. Der war nur immer “dein Vadder/ Winne”. Und ehrlich: Nach über sieben Jahren, was soll sich ändern, außer daß wir uns neue, scherzhafte Frotzeleien ausdenken können?

Das sind Fragen, die man sich und anderen sehr leicht beantworten kann.

Was den Karpaten mehr umtreibt, als ich zunächst bemerkte, war die Frage, ob wir kirchlich heiraten, beziehungsweise, was ihm die Tatsache, daß er evangelisch ist und dies auch in unserem Familienstammbuch verzeichnet haben möchte, bedeutet.

Nun bin ich ohne jede religiöse Prägung aufgewachsen, getauft wurde ich im Kindesalter nicht, weil meine Mutter der Meinung war, das sollte ich mir einmal aussuchen können, wenn ich alt genug wäre. Als ich alt genug war, bin ich den Mormonen in die Arme gelaufen auf der Suche nach Halt, habe innerhalb von wenigen Wochen umgeschwenkt von der täglichen Wein- und Wodkaflasche auf ein gänzlich giftfreies Leben und bin danach ebenso schnell von dort auch wieder weggewesen, mit den Nachwehen eines vierjährigen Theologiestudiums (ohne Abschluß). Es würde zu weit führen zu erklären, woran ich genau glaube und woran, amtskirchlich definiert, nicht, nur weiß ich, daß ich definitiv nicht kirchlich heiraten und, so alles gutgeht, mein Kind auch nicht taufen lassen würde, wenn dem nicht eine bewußte Entscheidung zugrunde liegt.

Etwas nur zu tun, weil “man es eben so macht” kommt nicht in Frage.

Seine Großeltern aber waren gestern ganz entrüstet, auch enttäuscht, als wir ihnen unsere Pläne eröffneten. Der Karpate geriet ins Stammeln, ich hielt mich zurück.

Bisher sind wir immer so verfahren, daß derjenige, der seinen Willen stärker äußert, dem etwas wichtiger ist als dem anderen, irgendwie zu seinem Recht kommt, ohne daß die Wünsche des anderen untergehen. Im Alltag macht jeder, was er möchte und richtig findet, ohne groß nachzufragen, und wenn es Grund zum Einspruch gibt, dann wird dieser vorwurfslos geäußert und wir finden eine Lösung. Das hat uns bisher vor vielen Diskussionen bewahrt, es läuft einfach.

Nun aber nagt etwas an ihm. Und da beginnt die Schwierigkeit. Die Überlegungen, die ich zum Thema Religion in meinem Leben schon vor zehn Jahren hatte, befallen nun den Karpaten. Seine Erinnerung an “Kirche” sind grundsätzlich positiv, aber sehr verschwommen. Seine Mutter hat sich nach dem qualvollen Tod ihrer beiden Eltern in seinem Kindesalter von der Kirche abgewandt, ist später auch ausgetreten, sein Vater ist bisher wohl einfach nur zu faul oder möchte seine Eltern nicht enttäuschen, für die die Mitgliedschaft noch selbstverständlich ist. In der Teenagerzeit des Karpaten gab es dann die Abmachung mit der Mutter, daß er für ein Jahr den Religionsunterricht besuchen solle, danach könne er tun, was ihm beliebt. Das tat er wohl schon in diesem Jahr; nach eigenen Aussagen hat er sehr oft den Unterricht geschwänzt, dennoch bei zwei Problemen bei dem Pfarrer, der zuständig war, immer ein offenes Ohr und die Bereitschaft zu raten und zu helfen gefunden. Das beeindruckt ihn noch heute.

Natürlich ist viel Schlimmes im Namen der Kirche geschehen, über Jahrhunderte und auch heute noch, es gibt wie überall Menschen, die Macht sammeln, Druck ausüben, fies und kleingeistig sind wo sie nur können und innerhalb des riesigen Gedankengebäudes der Amtskirchen (der Protestantismus unterscheidet sich hier kaum vom Katholizismus, von Freikirchen und harmloseren Sekten sehe ich hier ganz ab, doch auch gibt es viel Unfug und doch gleichzeitig großartige Menschen, die Halt geben und finden) stets die unmenschlichste Logik finden, aber wir haben beide in unserer Jugend, ich von außen und er so halb von innen, gesehen, daß es auch bereichern kann, in einer Gemeinde zu sein, aufgehoben zu sein. Mir hat niemals etwas gefehlt, weder materiell noch, so weit ich das behaupten kann, geistig-geistlich, aber immer mehr ist mir klargeworden, daß die Abneigung meiner Mutter gegen alles Religiöse, die sie hinter eigentlich vernünftigen Argumenten versteckte, ihre Ursachen in persönlichen Begegnungen mit einem höchst regimetreuen Pfarrer hat. Dieser hat nur nach langem Gezeter die Trauung mit ihrem Mann vorgenommen, der als verurteilter Republikflüchtling “auch nicht in die DDR-Kirche gehört”. Keine Rede davon, daß jeder in den weiten Schoß der Gläubigen aufgenommen wird, der nur möchte. Ein störrischer Pfarrer und die Folgen …

Wenn wir also zu dem Schluß kommen, eher noch, wenn der Karpate merkt, daß es ihm wichtig ist, Mitglied in einer Gemeinschaft zu sein, die eigentlich immer irgendwie da war für ihn, ohne daß er sich bewußt damit auseinander gesetzt hätte, dann steht die Überlegung an, wie wir weitermachen. Wir drei.

Ich habe jedenfalls seinen alten Religionslehrer ausfindig gemacht, mit ihm telefoniert und einen Termin vereinbart. Dann kann der Karpate mit jemandem sprechen, der ihm früher nie etwas aufzwingen wollte und es auch jetzt nicht tun wird, jemand der weise genug ist einzusehen, daß manche Dinge Zeit brauchen.

November 13, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Beeindruckend… ernsthaft!

    Kommentar von MatzeLoCal am 13. November 2007 um 15:55 | Link

  2. Na auf jeden Fall alles Gute - ist doch eigentlich egal ob kirchlich oder nicht (wobei ich die Frage und die entsprechenden Wünsche der Schwiegereltern gut kenne, Andrea und ich drücken uns da noch vor einer Entscheidung).

    Kommentar von Carsten Dobschat am 13. November 2007 um 16:07 | Link

  3. Ui, ich freu mich für euch. Heiraten find ich cool, ob standesamtlich oder kirchlich ist dabei egal! :)

    Also nochmal : GLÜCKWUNSCH!

    Kommentar von SirParker am 13. November 2007 um 16:17 | Link

  4. wow

    Immer wieder ne überraschung hier :) Ne Hochzeitsreise zum Metalkonzert hätte ich auch schick gefunden.

    *OmaStimme* Habt Ihr Euch das auch gut überlegt?

    Ich sag (mal wieder ;)): Herzlichen Glückwunsch!!! ;)

    Kommentar von robert am 13. November 2007 um 19:34 | Link

  5. Die Einstellung zur Kirche, zu der ihr zwei gefunden habt, finde ich echt gut.

    Ich bin ja ein Mensch, der für die (evangelische) Kirche quer durch Deutschland gurkt und Politik macht. Dabei treffe ich auch immer wieder auf Leute, die an der Kirche grundsätzlich nichts einzuwenden haben, aber sich auch nicht mit ihr beschäftigen. Habe ich auch gar nichts einzuwenden, denn wie gesagt ist die Gemeinschaft immer für den Einzelnen da, egal ob Kirchgänger oder nicht.

    Beide Entscheidungen finde ich deshalb super. Heiraten und sich über das Thema Kirche/Taufe/Trauung Gedanken machen.

    Herzlichen Glückwunsch und esst nicht zuviel beim Chinesen.

    Kommentar von baex am 13. November 2007 um 21:33 | Link

  6. @ MatzeLoCal: Danke! *rotwerd*
    @ Carsten: Ich dachte ja, wir hätten das durch, aber manchmal gärt es länger im Karpaten, bis er was sagt. Und da bin ich eben der Meinung, wenn es einem doch wichtig ist, müssen wir uns was überlegen. Von außen lassen wir uns aber nicht beeinflussen, dazu ist der Kontakt zu den Großeltern auch zu selten.
    @ SirParker: *gggg*
    @ Robert: Nich wa!? Und: Ja, hamwa. Alle glücklich und zufrieden. Naja, fast alle.
    @ baex: Wie gesagt, nur kirchlich heiraten, weil “es alle tun”, ist doof. Dazu bin ich auch zu dankbar für die Vorrausetzungen, die wir haben: Wir dürfen uns entscheiden. Auch, was dann vielleicht später mit dem Kind wird, steht dabei im Raum. Man kann Kinder in einer Religion großwerden lassen, ohne Schuldgefühle und Druck und man kann aber eben auch genauso auf andere Art Werte vermitteln (oh oh, das klingt so …) — wir wollen ja nur alles richtig machen. Das klappt sowieso nicht, aber wenn unser Kind irgendwann mal so über seine Kindheit denkt wie wir über unsere, dann haben wir nicht allzu viel falsch gemacht.

    (Ich mach mir schon wieder viel zu viele Sorgen, dabei ist es ja noch mal da.)

    Kommentar von Julie Paradise am 13. November 2007 um 22:20 | Link

  7. :)

    Kommentar von jette am 13. November 2007 um 22:37 | Link

  8. Heiraten wir wegen des Kindes? Nein. Jein. Doch, irgendwie. Das war der Deal. Der Karpate bekommt sein Baby … und ich bekomme das Verheiratetsein.

    …. ist das denn Liebe?

    Kommentar von Alexander | Zielpublikum am 14. November 2007 um 00:58 | Link

  9. Deal klingt vielleicht etwas hart. Die Abmachung war immer: Wenn ein Baby unterwegs ist, wird geheiratet.

    Ich werde jetzt nicht anfangen, hier über Liebe zu diskutieren.

    Aber: Dazu gehören auch Respekt voreinander, tragfähige Zuneigung, die nicht bei jeder Kleinigkeit in wütenden Jähzorn umschlägt und der Wille, füreinander da zu sein, „in guten wie in schlechten Zeiten.“

    Kommentar von Julie Paradise am 14. November 2007 um 11:02 | Link

  10. Wie, es gibt keine Feier?! Keine Geburtstags-, keine Hochzeits-! Wenns das Geld ist: jeder kann doch was mitbringen. Biiiiiitte.

    Kommentar von Herman Stein am 14. November 2007 um 23:34 | Link

  11. toller text, toller anlass .. freu mich für dich :)

    Kommentar von Michael am 15. November 2007 um 10:34 | Link

Rock my Boat!