Vorhin habe ich die Sammeltassen ausgepackt. Eigentlich kamen sie aus Omis Besitz in den meiner Mutter, als diese heiratete und sich einen Hausstand aufbaute. Als sie mit ihrem ersten Mann nach der Heirat zusammenzog, befanden sich in seiner Wohnung genau 1 Stuhl (kaputte Sitzfläche), 1 Tisch, 2 Teller, 1 Tasse, je 2 Löffel/ Messer/ Gabeln, ein eisernes Bettgestell sowie eine Matratze. Für 1 Bettgarnitur (Decke und Kissen samt Bezug) sowie etwas Seife und 3 Handtüchern hatte es sogar auch gereicht.
Immerhin war der Mann verurteilter Republikflüchtling. Versuchter Republikflüchtling natürlich, sonst hätte er nicht die 3 Jahre bis zu seinem 18. Geburtstag im Knast verbracht und danach den Rest seines Lebens in Armut, die auch Mutti nicht zu beseitigen vermochte. Gegen den Suff, dem er später verfiel, war sie dann genauso machtlos.
Die Sammeltassen jedenfalls gehörten ursprünglich Omi, die natürlich liebend gern dabei half, ihrer Tochter beim Beginn eines neuen Lebens unter die Arme zu greifen. Später sind dann einige der liebevoll zusammengekauften Kaffeegedecke zurück in Omis Haushalt gewandert, wo sie nur zu besonderen Feiern auf die Festtafel gehoben wurden, unter bewunderndem Ah! und Oh! der versammelten Verwandtschaft. Der Tisch sah mit den bunten und verschiedenen Sammeltassen immer besonders schön aus.
Falls jemand nicht genau weiß, was Sammeltassen (Sammelgeschirr) sind: Es handelt sich dabei um eine kleine (Tee-)Tasse, zu der eine Untertasse und noch ein kleines Tellerchen für den Kuchen gehört. Im Unterschied zu normalem Kaffeegeschirr gehören immer nur drei Teile zu einem Muster. Man muß also die passenden Stücke zusammensuchen und die so viel wertvolleren Kaffeegeschirre sammeln viele (ältere) Menschen gern. Auch für mich bedeutet das ein Stück Kindheitserinnerung an schöne Familienfeste, selbst wenn ich den Kult um das bißchen Porzellan lange Zeit als spießig abtat.
Bis zum Samstag wußte ich nicht einmal, daß meine Mutter selbst noch einige Sets besaß. Die haben wir auch seit 30 Jahren nicht mehr benutzt. Um genau zu sein wohl das letzte Mal an dem Geburtstag meiner Schwester. Ihr Vater war da, und wenn er sich mal blicken ließ, wenigstens bei Geburtstagen und an Weihnachten, wollte er immer aus einer bestimmten Tasse trinken. Dieses eine Set ist daher nicht auf dem Foto unten zu sehen, denn ich werde meine Schwester mit ebenjenem Gedeck überraschen.
Hoffentlich weint sie nicht, der Gedanke an ihren Vater macht sie immer froh und traurig zugleich …

Aus der Tasse oben links würde ich gern einmal Tee trinken.
In meinem Küchenschrank steht noch ein silberfarbenes Gedeck von meiner Großmutter väterlicherseits. In meiner ersten eigenen Wohnung habe ich es mir drei Jahre lang immer morgens zum Frühstücken gedeckt.
Kommentar von arboretum am 25. September 2007 um 20:06 | Link
Ach nein, wie entzückend.
Ich hab da auch ganz viele von meiner Oma, und als sie die bei der Hochzeit hier im Schrank hat stehen sehen, war sie ganz beseelt. Die kleinen Mokkatäschen/Tellerchen stehen auf der Küche des Kindes und sind dort nicht mehr wegzudenken.
Kommentar von jette am 25. September 2007 um 22:31 | Link
Ja bin ich denn hier im Rebellm*rkt?
Kommentar von MC Winkel am 26. September 2007 um 15:21 | Link
Schön zu sehen, dass ich nicht allein Familienstücken mit Erinnerungen verfalle. Natürlich stehen auch in der Vitrine meiner Mutter die Gedecke meiner Oma und lassen mich mit mitunter gemischten Gefühlen an früher denken.
Würde Freund mich nicht bremsen, stünde die Bude vermutlich voller alter (und oft nicht besonders schöner Teller, Vasen, Bügeleisen, Plunder… ;-)) Erinnerungen und liesse kein Platz für Neues.
Kommentar von Hühnersuppe am 26. September 2007 um 15:50 | Link