Die Arroganz der immer Davongekommenen

Krankheiten können mir nichts anhaben. Ich bin unverwundbar, und selbst wenn Narben zurückbleiben: Ich steh über den Dingen. Wirklich? Manchmal äußere ich mich wohl verletzend über Krankheiten, tue sie als harmlos ab, obwohl viele Menschen darunter leiden, weil ich meine, mit meinen bisherigen Erfahrungen hätte ich das Recht zu entscheiden, woran man wirklich leidet. Ziemlich arrogant.

Krebs? — Pah! Hab ich schon gehabt. Sogar bösartig, und jetzt ist alles wieder gut.

Herzkrankheiten? — Kleinkram, passiert ja nix bei. Der soll sich nicht so haben.

Operationen? — Kein Ding, die Ärzte machen das schon.

Dir tut was weh? — Ja, damals, der eine Eingriff, haaa!

Du bist Brillenträger und jammerst? — Ich bin blinder als Du!

Ist es ein Schutzmechanismus, der mir erlaubt, bestimmte, wiederkehrende Arten von Schmerzen oder körperlichen Schwierigkeiten gut zu ertragen? Jedenfalls glaube ich manchmal kaltherzig, daß der eine oder andere sich doch ein wenig mehr zusammenreißen könnte. Jammern ja, aber worüber zu jammern angemessen ist, maße ich mir an zu entscheiden. Wer nicht mehr kann, ist selbst schuld, nur die Harten komm’ in’ Garten!

Ich bin immer davongekommen und benehme mich jetzt zuweilen, wie bittere chronisch Kranke, die anderen das Recht absprechen, ebenso malade zu sein.

Die Arroganz der Davongekommenen hat auch mich erfaßt.

September 24, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Ich glaube, es gibt durchaus Arroganzen, die man sich leisten darf. Abgesehen davon hat hier ja schon mal die Selbstreflektion eingesetzt. ;)

    Kommentar von Philippp am 25. September 2007 um 17:45 | Link

Rock my Boat!