Eigentlich — habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich gestern hätte lostreten können, wenn ich meine Ankündigung einer Jungswoche ernst gemeint hätte. Das habe ich nämlich von Anfang an nicht getan.
Klischees über Jungs und Mädels und das von einer 27jährigen. Hui, ja! Obwohl: Ich würde sagen, inzwischen gehe ich eher als Frau durch und die Tatsache, daß ich mich selbst lieber als Mädchen bezeichne, hängt entweder von der seltsamen Wahrnehmung ab, man sei doch gar nicht so alt oder von ersten Anzeichen der Verzweiflung: Man ist doch schon so alt. Dabei habe ich eigentlich immer noch den naiven Glauben, alles sei schon gut so, wie es ist und würde nur noch besser werden. Kleinigkeiten wie Bindegewebsschwächen mal außen vor gelassen.
Jungs und Mädels, also Männer und Frauen, wenn wir an dieser Stelle den Tatsachen mal ins Auge sehen wollen, sind doch gar nicht so verschieden. Der Karpate hat mehr Kraft und braucht keine BHs, ich kann im Stehen nicht so gut pinkeln, aber was sonst unterscheidet denn Männlein und Weiblein so grundlegend, wie immer behauptet wird? Ich bin immer noch der Meinung, daß jemand, den ich liebe, auch eine Frau sein könnte. Mit Sex hat das wenig zu tun, auch nicht mit der frühpubertären Phase, in der jeder mal herumexperimentiert, worum es mir geht, ist DER Mensch. Derjenige, der für mich da ist, mich versteht, mit mir lacht und heult und säuft und mich nachts zudeckt. DER Mensch kann durchaus auch eine Frau sein.
An dieser Stelle fällt mir ein: Ich habe mich mit dem Kollegen Björn Grau gestritten. Gestern. Glaube ich jedenfalls. Ich habe noch schnell eine Kleinigkeit erledigt, nebenbei fiel hier ein Wort, da ein Satz, es ging um den Film Prinzessinenbad, Björn ging darauf ein, ich plapperte gedankenlos und etwas genervt und plötzlich sprachen wir sehr laut und grimmig aneinander vorbei. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie es dazu kam, auch was ich wirklich sagte habe ich vergessen, ebenso seine Worte. Wenn ich den letzten Rest Gesprächserinnerung, den ich zusammenkratzen kann, überdenke, muß es wohl in etwa folgender roter Faden gewesen sein:
Die gezeigten Mütter sind mit ihren Kindern überfordert. Ein wichtiger Grund ist, daß sie alle alleinerziehend sind. Das heißt, die Väter haben sich entweder aus dem Staub gemacht oder sind von ihren Frauen zum Teufel gejagt worden. (Das Gegenbeispiel, den alleinerziehenden Vater, nehme ich hierbei aus.)
Die Töchter sind unter anderem deshalb orientierungslos, weil sie ohne Vaterfigur aufwachsen mußten/müssen. Das ist nicht gut für die soziale Entwicklung eines Kindes. Vater, Mutter, Kind(er), das ist die ideale Familie, wo dies nicht gegeben ist, da fehlt etwas. (Das behauptete Björn, glaube ich jedenfalls.)
Meine Entgegnung, auch ich wäre ohne Vater (nicht gänzlich, aber monatlicher Kontakt ist quasi das Gleiche) aufgewachsen und mir hätte nie etwas gefehlt, kann auch als illegitime Subjektivierung der Diskussion aufgefaßt werden, weiß ich nicht. (Das ist der Punkt, an den jede (?) Diskussion irgendwann kommt: Ich habe zwar keine Argumente mehr, aber ich weiß, was ich erlebt habe. — Warum fällt mir dabei immer Miss Sophies Wahlspruch ein: “Don’t discuss with idiots - they only drag you down to their level and beat you with experience”?)
Danach waren wir beide beleidigt und haben nicht weiter darüber gesprochen.
Und jetzt also die Jungswoche bei mir, als unbedachte Antwort auf die Mädchenwoche bei Nilz, die schon nach einem Tag keine mehr ist, weil mir nur Klischees einfallen, was man mit, zu, für, über Jungs machen könnte. Mit dem vielleicht naiven Glauben auf meiner Seite, daß zwar unsere Körper verschieden sein mögen, aber das ganze Gedöns drumherum doch nur ein Spiel ist. Mit der Überzeugung, daß Kinder nicht beide Elternteile brauchen, um glückliche, beziehungsfähige Menschen zu werden, eben weil die Geschlechter doch gar nicht so anders ticken. Mit der Unsicherheit, ob Björn mit einigen seiner Argumente nicht doch recht hatte, oder ob hier meine Ost-Kindheit, in der es ganz normal war, daß viele Frauen alleinerziehend sind ohne als arme überforderte Frau zu gelten und ständig mit einem Bein am sozialen Abgrund zu stehen auf seine gutbürgerliche Westvergangenheit stößt. Vielleicht ist das auch nur wieder ein Klischee, welches ich hier vorbringe, als für mich einfachere Antwort auf eine Frage, in der keiner recht haben kann. Oder …
Jungs, ich bin verwirrt. Mädels: Genau!
Ich habe NICHT gesagt und meine auch NICHT, dass Kinder “beide Elternteile brauchen, um glückliche, beziehungsfähige Menschen zu werden”. Allerdings (und das habe ich auch so gesagt) glaube ich, dass das Aufwachsen in einer Familie mit beiden Elternteilen, die keine Arschlöcher sind, durchaus ein einfacheres Großwerden erleben. Ich bin btw. Scheidungskind (toll, so ne gutbürgerliche Westvergangenheit…).
Ich habe NICHT gesagt und meine auch NICHT: “Die Töchter sind unter anderem deshalb orientierungslos, weil sie ohne Vaterfigur aufwachsen mußten/müssen.” Dass sie ohne Vater aufwachsen, heißt ja nicht, dass sie ohne Vaterfigur oder männliche Vorbilder aufwachsen. Ein anwesender Vater ist aber sicherlich ein konstanteres Vorbild (im Guten wie im Schlechten) als Onkels und Bekannte. Ein guter Vater trägt deshalb meiner Meinung nach deutlich dazu bei, die Orientierung zu erleichtern. Aber ein fehlender Vater bedeutet eben nicht unbedingt Orientierungslosigkeit. Das wäre ein falscher Umkehrschluss.
(Und bevor Subdiskussionen losgehen: Ich habe auch nicht gesagt, das konkret die Mädels aus Prinzessinnenbad orientierungslos sind.)
Ich habe mich dabei ertappt, den alleinerziehenden Müttern aus dem Dokumentarfilm alle möglichen Fehler anzulasten, OHNE die Frage zu stellen, wo denn die Väter sind. Weil es leider viel zu oft so ist, dass Männer nicht an der Erziehung der Kinder teilnehmen. Weil es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass Männer sich nicht um ihre Kinder kümmern müssen.
Das habe ich versucht, DIr mitzuteilen.
Ich habe aus dieser Erkenntnis heraus gesagt, dass ich es NICHT in Ordnung finde, dass dem so ist. Weil auch Männer eine Verantwortung für ihren Nachwuchs haben. Und diese Verantwortung hört nicht beim Bezahlen des Unterhalts auf. Das viele Männer diese Verantwortung nicht annehmen ist Fakt und im Sinne von “alle machens” auch normal. Für mich ist sie aber NICHT normal im Sinne von “ist schon OK so”. Es ist für die ganzen Frauen beschissen, die ihre Kinder alleine groß ziehen müssen. Vielleicht nicht so beschissen wie ein prügelnder und saufender Ehemann, aber eben auch nicht so einfach wie mit einem fürsorglichen Gatten. Und die sollten Normalfall sein. Es ist aber auch gesellschaftlich beschissen, dass Männer keine echte Verantwortung tragen müssen. Weil das Frauen benachteiligt. Weil ein Elternteil alleine nie soviel Zeit fürs Kind haben kann, wie zwei. Weil eine Akzeptanz eines solchen Verhaltens nur dazu führt, dass es reproduziert wird.
Zum Schluss noch was zu gestern: Ich hab’s auch als Streit empfunden. Ich hab mich auch ordentlich aufgeregt. Aber streiten kann ich mich nur, wenn ich jemand mag.
Kommentar von Björn Grau am 31. August 2007 um 00:07 | Link
Na dann streiten wir uns am besten nächstes Mal dann, wenn ich Dir auch zuhören kann.
Kommentar von Julie Paradise am 31. August 2007 um 00:20 | Link
heisst das, wir papis sind jetzt out?
Kommentar von nilz am 31. August 2007 um 08:27 | Link
Ui, zur Diskussion kann ich zwar nix hinzufügen (1. weil schon alles gesagt wurde und 2. weil meine Eltern noch immer glücklich verheiratet sind), aber ich kann einen Artikel zum Schmunzeln empfehlen, der ansatzweise das Thema streift:
somluswelt.wordpress.com/...
Kommentar von juliaL49 am 31. August 2007 um 09:18 | Link