Liebes Tagebuch - ich habe Dich belogen.

Habe ich nicht, denn ich habe nie ein richtiges Tagebuch geführt, in dem ich mich weinerlich über alles Unrecht dieser Welt beklagte, welches sich ausgerechnet bei mir bemerkbar macht, oh, Ungerechtigkeit!

Wenn ich ein je Tagebuch geführt hätte, wie man es Mädchen nachsagt, so mit Herzschmerz und Faktenwahrheit, ich wäre schön dumm gewesen. Denn erstens wäre es mehrmals von genau den falschen Leuten gefunden und gelesen worden, was mich jedes Mal in Erklärungsnöte und Schwierigkeiten gebracht hatte, und zweitens - hätte ich wohl gelogen.

Die ganz genau richtige und echte Wahrheit über mich hätte ich niemals zu Papier gebracht.

Gestern in einem Gespräch wurde geraunt, daß “manche ihr Tagebuch fälschen”. Natürlich. Alles andere wäre auch merkwürdig. Selbst wenn man all seine Schwächen aufzählt, suhlt man sich doch meist genüßlich im eigenen Versagen, das rausgerotzte “Ich bin ja so ein schlechter Mensch! Keiner hat mich lieb! Ich mache alles falsch!” trägt doch sehr viel Egoismus in sich, meist ist es ein Schrei nach Widerspruch: “Nein, stimmt doch gar nicht. Du bist so ein wertvoller Mensch” und dergleichen. Kommt aber als Antwort: “Stimmt. Du hast mich auch schon immer angekotzt” wird der Überlebenswille wach, wenn nicht ein hartnäckigerer Selbstbeschimpfungswille vorliegt. Irgendwann aber ist immer der Punkt erreicht, an dem man sich nicht weiter beschimpfen lassen will, solange man nicht selbst der Ankläger ist. Egoistisch ist es in jedem Fall. Wer jammert, will im Mittelpunkt stehen.

Sein Tagebuch fälschen heißt, Dinge so festhalten, daß sie irgendwie eher dem eigenen Wunsch entsprechen, falls doch mal jemand mitliest. In welchem Maße das geschieht — ?

Bestimmte Dinge würde ich nie aufschreiben. Sie bleiben in mir, weil sie nirgendwo sonst so sicher aufgehoben sind wie dort. Und die Kontrolle darüber habe ich noch immer behalten. Das ist ja auch das Feine an Blogs: Wer will mich denn zwingen, die Wahrheit zu sagen? Wenn es überhaupt eine gibt. Und die Diskussion, daß bestimmte Dinge doch mal vor sich selbst ausgesprochen sein müssen, man das doch loswerden müsse … Quatsch. Ich muß nichts so ungefiltert und gebogen rausschreien, daß ich mich hinterher dafür schäme. Wenn ich will, lüge ich.

Sowas nennt man übrigens auch Geschichten erzählen.

August 26, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

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