Zu Omi fahren

hieß immer: Raus nach Müggelheim.

Meine erste Erinnerung an die Fahrt nach Müggelheim kann nicht stimmen, denn es vermischt sich strahlender Sonnenschein mit Eisblumen an unserem Küchenfenster. Damals haben wir noch in der Siemensstraße gewohnt, die so laut und dreckig war, daß man tagsüber die Fenster zur Straße nicht öffnen konnte, wollte man sein eigenes Wort im Wohnzimmer noch verstehen. Und wenn die Fenster geputzt wurden, waren sie zwei, drei Tage später schon wieder so verstaubt wie vorher. Zu Ostzeiten haben um die 20 000 Menschen in Schöneweide gearbeitet, die Straßenbahnen waren immer brechend voll und die Siemensstraße, Ecke Edisonstraße, auf deren Kreuzung wir blicken konnten, immer mit Trabis verstopft. Staus sind in meiner Erinnerung an die DDR ein seltenes Ereignis, unter unserem Fenster aber gab es das jeden Tag.

Gegenüber war ein Eisladen, dem wir selbst dann noch die Treue hielten, als wir schon längst in eine schönere Wohnung an der Wuhlheide gezogen waren. Im Sommer sind wir immer mit großen Thermosbehältern dorthin gepilgert und haben für uns drei, Mutti, meine Schwester und mich, so an die 20 Kugeln Eis geholt. “Weniger ist mehr” gilt eben nicht für Genuß.

Aber, ich wollte ja in meinen allerfrühesten Kindheitserinnerungen kramen. Dort finden sich, wie gesagt, neben Sonnenschein und meinem liebsten Lieblingskuschelkissen, welches mir auf dem Gepäckständer als Sitz diente, auch Eisblumen. Und ganz verwaschene Bilder von ihnen, die ich so nie wieder gesehen habe. Das mag wohl daran liegen, daß unser Küchenfenster so undicht war und sich der Ofen gar nicht temperieren ließ. Wir hatten einen Küchenofenherd, der gänzlich aus meiner bildlichen Erinnerung verschwunden ist, wahrscheinlich, weil er so gar nicht isoliert war und ich immer einen riesigen Bogen um das Monstrum machte. Ich sehe nur groß-schwarz-gußeisern.

Die Kühle eines Sommermorgens: Wann war ich das letzte Mal an einem Sommertag so früh wach, daß ich noch Tautropfen von Grashalmen wegschnippen konnte. Damals war ich es. Bevor wir uns auf den Weg machten, strolchte ich noch auf der riesigen Wiese mit den kindshohen Gräsern herum und sammelte “Blumen” für Omi. Auf der Fahrt dann saß ich entweder bei Mutti oder meiner Schwester auf dem Gepäckträger und ließ die Beine baumeln, versuchte möglichst nicht zu arg zu wackeln und verließ mich ganz auf die anderen.

Nach Müggelheim rauszufahren dauerte ewig. Mit dem Fahrrad wohl ungefähr eine Stunde, aber für ein Kind ist das ja bereits eine Ewigkeit, wenn ich mich daran erinnere, wie glücklich ich über fünf Minuten war, die ich länger draußen spielen durfte, bevor es wirklich! jetzt! Essen gab.

Eine lange, beinah gerade Straße führt von Köpenick durch Müggelheim und nach Gosen, rechts und links der Straße große Waldgebiete, die mir immer noch undurchdringlich scheinen, aber großteils wohl doch nur wenige hundert Meter breite Streifen sind, zwischen Müggelsee und dem nächsten Wohngebiet. *

Rausfahren, das klang immer so abenteuerlich, sicher hinter Mutti auf dem Fahrrad aber war es himmlisch. Und dann bei Omi: Immer gab es Lieblingsessen, alles was sie machte, war Lieblingsessen. Durch den ganzen Garten konnte man sich durchnaschen: Stachelbeeren, Johannisbeeren, Äpfel, Kirschen, Erdbeeren, Aalberen, Pflaumen, und dann der Ruf “Nachtisch!”.

Eigentlich bin ich nicht nostalgisch, im Laufe der Zeit gab es eine Menge Scheiße in meinem Leben. Jetzt aber ist alles gut. Nur wenn ich doch nochmal zurückreisen wollte an einen Punkt in meiner Kindheit, es wäre einer dieser sonnigen Morgen, an denen wir rausfahren nach Müggelheim, zu Omi.

August 25, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 26.08.2007 - Julie Paradise — “Texte, die die Welt nicht brau [...]
  1. schöner kachelofenwarmer text, einkuscheln nochmal rumdrehen…ich seh dich wie baby herman mit deiner dicken brille hinten auf dem fahrad sitzen, vielleicht schon reiseeindrücke in ein quartheft kritzeln…

    es ist für mich total seltsam das du kindheitserinnerungen an einen ort a solltest der für mich nur literarisch existiert, köpenick.
    jedes mal wenn ich auf einem berliner u-bahnplan köpenik angeschrieben sehe durchzuckt es mich- das gibt es wirklich.

    da läuft nicht nur heinz rühmann in schwarz-weiß durch die straßen. ich glaube da muß ich mal hin.

    Kommentar von westernworld am 26. August 2007 um 13:19 | Link

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