Winnie

Winnie aus Münster. Groß, schlank, athletisch. Wunderschönes Gesicht und kurze Locken. Die Nase leicht nach unten gebogen, was ihm einen leicht spöttischen Ausruck verlieh, verstärkt durch seine schläfrigen Lider.

Getroffen haben wir uns irgendwann Ende der Neunziger auf einem Konzert. Wenn mich die Erinnerung nicht völlig täuscht, war es 1998 im Knaack. Mir war etwas schummerig vom Bier und der stickigen Luft in dem kleinen Club, also setzte ich mich draußen in die Hofeinfahrt, neben ihn. Schwarz vor Augen wie mir war, wollte ich nur nicht allein dort sitzen, ich habe ihn gar nicht wahrgenommen.

Wenig später, ein oder zwei Wochen danach, sind wir uns am Tresen eines anderen Clubs wieder über den Weg gelaufen. Ein kurzes Erkennen blitzte in seinen Augen auf, aber ich war wohl nicht der Typ Mädchen, der ihn ansprach. Damals habe ich meine Anziehsachen entweder bei Humana oder in der Garage, einem Second Hand-Laden, bei dem man die Kleidung nach Gewicht bezahlt, gekauft. Dementsprechend abgerissen sah ich denn auch aus. Leicht übergewichtig und so gar nicht chic, drehte er sich sogleich wieder weg, aber vor der Bühne trafen wir uns dann doch wieder. Beim nächsten Konzert einige Tage später das gleiche Spiel. Dieses Mal wartete er am Ausgang auf jemanden, der vielleicht nie kam, wir wissen es nicht, denn gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn. Unsere Züge hielten gleichzeitig, einer an jeder Seite des Bahnsteigs und so blieb nur Zeit für eine flüchtige Umarmung. Für ihn schien das ganz normal zu sein, eher ein Reflex als die überwältigende Zuneigungsbekundung, die das für mich bedeutete. Das Gefühl, in seinen Armen zu sein, konnte ich tagelang nicht vergessen.

Ab da trafen wir uns regelmäßig auf Konzerten der verschiedensten Bands, ohne uns je verabredet zu haben. Wir hatten einen ähnlichen Musikgeschmack und waren eben auf jedem Konzert, welches dem entsprach. Berlin ist eigentlich ganz klein, wenn man erst einmal in eine bestimmte Szene eintaucht, trifft man die gleichen Menschen immer und immer wieder. Dani zum Beispiel, die verrückte Kleine, die ich seit 1997 kenne und die heute noch die Berliner Konzertszene unsicher macht. Oder den Buchhalter, der beinah jeden Tag eine Band sieht, stets unauffällig gekleidet steht er am Rand, nicht am Tresen, lauscht der Musik und bewegt höchstens wippend die Füße. Es mag noch andere Konstanten geben in den Clubs und Hallen dieser Stadt, dies sind die beiden auffälligsten, die ich kenne. Damals zählte Winni mit in diesen Kreis, als er noch in Berlin lebte.

Ich habe nie ganz verstanden, wovon er lebt, wie er lebt, sein Leben klang für mich geheimnisvoll, aufregend, beneidenswert. In Wirklichkeit war es vielleicht nur ungeordnet und verfahren, wer weiß das? Wir haben zwei Jahre gebraucht, um uns einmal außerhalb der Blase eines Abends zu treffen, der von Musik bestimmt war, von Tanzen und Lärm, Bier und Aufregung. Freunde von ihm spielten in einem Laientheater, er lud mich ein, der Premiere beizuwohnen. Sein Bekannter fragte, wo in Berlin ich leben würde. Ich sagte das Zauberwort, Schöneweide. Es stellte sich heraus, daß die bisher einzige Person, die er von dort kannte, eine Dealerin war, die mit mir das Gymnasium besuchte und in einigen Kursen neben mir saß. Winnie lachte als einizger nicht über diesen Zufall. Er schien zuviel zu kiffen, vielleicht ließ ihn das immer so weit weg aussehen, so müde.

Im Frühling 2000, ich hatte seit drei Monaten nichts mehr von ihm gehört, bekam ich eine Postkarte. Er war wieder in seiner Heimat und glaubte, sein Leben endlich im Griff zu haben. Für den Sommer kündigte er an, nach Berlin zu kommen. Wir verabredeten uns schließlich per Mail, das Treffen mußte er absagen. Dann, beim zweiten Versuch, bekam ich einen Anruf, innerhalb von Minuten flog ich aus dem Haus zu der Adresse, die er mir genannt hatte. Er bewohnte ein Zimmer bei einem Ehepaar, welches sich den ganzen Tag stritt und auch anschrie, als ich läutete. Er drängte mich schnell in sein Zimmer. Zwischen den großen Fenstern des heruntergekommenen Raumes stand ein riesiges selbstgebautes Terrarium, eine goße Schlange hing über drei Äste und wand sich in dem Versuch einer Häutung. Gerade als ich etwas sagen wollte, noch atemlos vom Treppensteigen, küßte er mich. Ich muß erstarrt sein, erschrocken und benommen, der Moment verstrich. Hitze wallte vom Balkon in den Raum und als er bereits einige Sachen zusammenpackte, weil er weiterreisen wollte, irgendwohin, mit nichts als seinem Armeerucksack, stand ich immer noch reglos mitten im Zimmer und starrte auf die abgeworfene Schlangenhaut.

Er führte mich zu dem Sessel, der in der Sonne am Fenster stand, fotografierte mein Lächeln und nahm mich dann mit in den Park.

(Aus den Tiefen der Erinnerung gehoben durch Keng Tach von Westernworld.)

August 4, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. schön das es mit dem text jetzt mal geklappt hat.

    Kommentar von westernworld am 05. August 2007 um 00:01 | Link

  2. ach und die kommentare seit neusestem nummeriert, wie die großen ey… ;)

    Kommentar von westernworld am 05. August 2007 um 00:03 | Link

  3. der “buchhalter” ist natürlich keiner sondern niemand geringerer als moabit peter, eine institution der berliner konzert-szene: tagesspiegel.de/kultur/;a...

    Kommentar von Sören am 05. August 2007 um 15:07 | Link

  4. @ westernworld: nummern gab’s schon immer hier ;-)
    @ Sören: hhm, ich weiß nicht. der mann, den ich meine, hat blonde, maximal schulterlange und inzwischen leicht schüttere haare. ich kann mich da auch eher an jeans als an schwarze lederhosen erinnern und an die ansage danis, er hätte “so einen langweiligen beruf”, also buchhalter oder bankangestellter oder so etwas in der art. aber vielleicht ist er es ja doch, dann bin ich, wie der artikel im tagesspiegel sagt, “sehr oft im richtigen konzert” ;-)

    Kommentar von Julie Paradise am 05. August 2007 um 15:13 | Link

  5. Sachma kannte eigentlich jeder in Berlin Karo?

    Sehr schöne Geschichte junge Frau. Sowas liest man doch gerne, wenn die Sonne das letzte Lichtlein Freizeit ausgemacht hat, das man heute hatte.

    Gruß nach Schöneweide :) (Bin dieses WE bestimmt so oft und lange in Köpenick gewesen, wie schon ewig nicht mehr ;))

    Kommentar von robert am 05. August 2007 um 23:08 | Link

  6. Ich hab mal mit Winni in einer WG gewohnt. Es war sein Haus, es wohnte noch eine weitere Mitbewohnerin dort. Winni war mind. Mitte 40, geschieden und hatte hat zwei kleine Kinder. Ist das derselbe Mann? :-)

    Kommentar von Lenny_und_Karl am 06. August 2007 um 13:18 | Link

  7. @ Robert: Sachen gibt’s … die Freunde vom Karpaten haben auch dort gekauft.
    @ Lenny_und_Karl: *lach* Nein, ganz bestimmt nicht.

    Kommentar von Julie Paradise am 06. August 2007 um 13:26 | Link

Rock my Boat!