In Lichterfelde lebt er, der Faltenmann.
Egal, wann ich vormittags mit dem Bus in Richtung Uni fahre, er lehnt aus dem Fenster seiner Wohnung.
Sein riesiger Kopf hängt merkwürdig tief zwischen den massigen Schultern, schwarzgraue Haare wuchern auf seinem Kopf und im Bart. Die Augen sind wie die eines großen Kuschelbären, tief und braun. Manchmal raucht er, meist blickt er nur hinaus auf die Straße. Aufgestützt auf die Ellbogen sieht man seinen Körper bis zur Brust.
Vielleicht ist es es die Haltung, aber seine Haut sieht unglaublich faltig aus. Besonders die immer braune Brust und die Achseln sind voller Falten, Hautlappen, die sich gegeneinander schieben und den Platz an seinem Körper streitig machen. Die ersten Jahre dachte ich, er hätte jeden Tag das gleiche braune Hemd an, bis ich bemerkte, daß er sommers wie winters mit zumindest nacktem Oberkörper auf dem Fensterbrett hängt. Einmal nur habe ich ihn an einem besonders kalten Wintertag hinter den Scheiben gesehen, er schien wie ein eingesperrtes Tier, sah noch trauriger aus als sonst.
Und einmal sah ich ihn aus dem Kiosk kommen, der zwanzig Meter von seinem Haus entfernt an einer Kreuzung steht. Er hatte Zigaretten gekauft und riss gierig die Packung auf, mit einer Hast, die nicht zu seiner sonstigen Unbeweglichkeit paßte. Fast wunderte ich mich damals, daß er ein ganzer echter Mensch ist, so sehr hatte ich ihn zuvor nur als Armehändebrustfaltenkopf wahrgenommen.
Seit langer Zeit lächeln wir uns an, glaube ich zumindest. In meinem Bus sitze ich vorn links, wann immer es geht. Er schaut mit seinen warmen Augen in jeden Bus hinein, Autos scheinen ihn nicht so sehr zu interessieren, und so kam es, daß ich eines Tages unwillkürlich lächeln mußte. Als ich am nächsten Tag unter seinem Fenster vorbeifuhr, glaubte ich, ein Blitzen in seinen Augen gesehen zu haben, am Tag darauf ebenfalls.
Rock my Boat!