Crowbar in der Arena in Treptow, wahrscheinlich 1998 oder 1999. Hatte ich ja schon einmal darüber geschrieben.
Mein in der Erinnerung zweitliebstes Konzert ist es, weil der Abend so chaotisch war.
Ein Konzert ist ein Konzert ist ein Konzert: (Laute) Musik, Menschen, die sich dem Musikstil entsprechend bewegen, auch größtenteils so gekleidet sind, wie es in der jeweiligen Szene üblich ist, Applaus Applaus. Konzert aus.
Danach ging es los: Meine Tasche, die ich unter meiner zerfetzten Lederjacke links am Bühnenrand deponiert hatte, war weg. Verschwunden. Dabei hatte ich sie nur beim Stagediven für einige Augenblicke aus den Augen gelassen. Es befand sich nichts Wertvolles in ihr, nur ein Buch, Henry James - Gebrochene Schwingen, ein billiger Bleistift, eine Ampulle Augentropfen und mein Portemonnaie mit 60 Pfennigen drin. Schlüssel, Ausweis und Fahrkarte hatte ich in der Hosentasche. Der Verlust der Tasche wäre also zu verschmerzen gewesen. Trotzdem leicht angesäuert und auch etwas angeschickert vom Bier näherte ich mich dem Ausgang und lief geradewegs in eine Gruppe nicht mehr ganz junger Männer hinein. Hups, da hatte ich doch glatt die Rhythmusfraktion von Crowbar umgerannt.
Soviel unfreiwilliger Körperkontakt schien den werten Herren durchaus willkommen, einfach weitergehen jedenfalls konnte ich nicht mehr. Man erkannte in mir das Mädchen - das einzige Mädchen überdies - welches an dem Abend den Sprung von der Bühne gewagt hatte und hatte die herumfliegende Julie in guter Erinnerung. Leicht chauvi-hafte, aber dennoch grundsätzlich sympathische Sprüche trafen auf Erwiderungen, die nunmal die Art von Berliner Gören ist und schnell wurde ich gefragt, warum so ein cute chick denn so so sad sei und nicht einmal in die Biervernichtungsarie einstimmen wolle. Ich berichtete von meiner Tasche.
Zwei der Roadies und der Drummer erboten sich, mir beim Suchen zu helfen, falls das stupid fucking asshole nur den Inhalt genommen und den Rest der Tasche vielleicht in der Umgebung weggeworfen hätte. Ich sah zwar keine Chance auf Erfolg, latschte den netten Onkels aber hinterher, als plötzlich, im stockdusteren Hof, neben dem Nightliner, jemand rief, meine Tasche wäre gefunden worden. Henry James war noch da, mein Portemonnaie auch, sogar der Stift lag dabei, nur die 60 Pfennige fehlten. Der Bassist regte sich furchtbar auf und Drummer Jimmy felt like smashing sumfin. Wie nett.
Als fälschlich jemand beschuldigt wurde, der Übeltäter zu sein, der sich noch im Hof des Venues befand, wurde es plötzlich sehr laut. Ein Roadie war auf den Mann losgegangen, um ihm zu zeigen, was Law and Order heißt. Bis es mir gelang, die beiden auseinanderzubringen, hatten die zwei sich bereits ganz dolle lieb gehabt und sowohl ihre Hosen verdreckt und aufgeschrabt als auch ein T-Shirt zerrissen und eine aufgeplatzte Lippe (beim Roadie) zu verantworten. Aber wie das so ist, unter Männern, keiner ist so nachtragend, daß man Streitigkeiten nicht bei zwei bis zwanzig Bier wieder vergessen könnte, bis man so besoffen ist, daß man später wieder aufeinander losgeht. Ohne Grund.
Soviele harte Männer auf einen Haufen bekommen irgendwann mal Hunger, und wer jemals bei einem Konzert backstage war, weiß, daß Catering oft genug Fraß ist, den man seiner Katze nur in Notzeiten zumuten würde. In der Nähe der Arena befindet sich eine Filiale des Fast Food-Giganten mit dem großen gelben M, welche drei der Männer und meine Wenigkeit, als ortskundige Führerin, sodann heimsuchten. Man kennt das, kurz vor Ladenschluß, wenn in Imbissen schon alle Geräte saubergemacht sind, weil mit keinem Kunden mehr zu rechnen ist. Normalerweise muß man sich dann auch mit den Resten oder der dürren Erklärung is leida allet schon saubajemacht abspeisen lassen, bei drei schwersttätowierten Riesen und einer irgendwie gefährlich aussehenden Zopfjule hat das an dem Abend aber keiner gewagt. Vielleicht überwog auch die Aussicht auf die kaum mehr erwarteten Einnahmen nach Mitternacht, die die Bestellung von insgesamt 30 Burgern einbrachte.
Vollgepackt mit Junk Food marschierten wir zurück zur Halle und machten uns auf dem Weg über die beiden Angestellten lustig, die ganz ängstlich und beinah devot unsere Bestellung bearbeitet hatten. Im Nightliner wurde dann fröhlich gefratzt, Videospiele wurden gezockt, irgendwas mit Autorennen auf einer Nintendo-Konsole. Ich stellte mich mädchenmäßig blöde an dabei, aber das ist der Vorteil am Frau-Sein: Wir haben Narrenfreiheit, im guten und im schlechten Sinne.
Als es Zeit für mich wurde, zu gehen, nahm mich einer der Musiker mit verschwörerischen kshhht come over!-Gesten beiseite, was ich etwas unwillig geschehen ließ. Was kam, war:
Hey, honey, you’re such a sweetheart, and I am so alone, errr, my wife and I, we like do have sum’one join us when we fuck, sumtimes, y’know? So, ah, I’m sure she’d love you, hun, so, as I feel lonely, maybe we could, I mean, errr, if we’d fuck, she’d be with us, in a way, she’d appreciate. whaddaya say?
- No. Thanks for the nice evening. See ya!
Rock my Boat!