2002: Ein Zweiundzwanzigjähriger. Abitur im zweiten Anlauf, ein Jahr Bundeswehr, jetzt eine Ausbildung.
Informationselektroniker, früher hieß das Radio- und Fernsehtechniker.
Halbwegs flexible Arbeitszeiten, nicht wirklich Gleitzeit, aber wann er kommen und gehen darf, bestimmen Auftragslage und Tagesform. Er ist seit drei Monaten dabei, hat aber in der Zeit nicht einmal Lohn erhalten. Nur das Kindergeld trifft ein. Dann meldet der ausbildende Betrieb Insolvenz an. Es stellt sich heraus, daß der Betrieb bereits zahlungsunfähig war, als er eingestellt wurde. Es gibt einen Zuschuß vom Staat für ausbildende Betriebe, einmalig pro Azubi.
Zum Dezember hat er einen neuen Betrieb gefunden, der ihn zu den Konditionen des alten Vertrages übernimmt. Das heißt: Die Ausbildungsvergütung beträgt im ersten Lehrjahr 231 Euro und steigt mit jedem Jahr um 20 Euro. Der andere Azubi bekommt etwa 20 Euro mehr, die Steigerung seiner Vergütung fällt etwas höher aus.
Im Februar des Folgejahres trifft die erste und für lange Zeit einzige Zahlung des ersten Ausbildungsbetriebes ein, für den Monat September. Danach läuft das Insolvenzverfahren und für 4 Jahre ist nichts in der Sache zu hören. Der zweite Ausbildungsbetrieb besteht auf einer erneuten Probezeit.
Laufende Ausgaben sind: Krankenversicherung, andere Versicherungen, Miete, Fahrkarte. 280 Euro im Monat. Ohne die beiden Berufsschultage in der Woche beträgt die Arbeitszeit 40 Stunden. Zum Glück gibt es die Ausbildungsbeihilfe in Höhe von 260 Euro.
Die Gewißheit, nicht übernommen werden zu können, da der Betrieb ein Familienbetrieb in einer Branche ist, die zunehmend von Elektronikmarktketten unter Druck gesetzt wird, zumindest, was die Preise angeht, drückt zweieinhalb Jahre die Stimmung. Immerhin, im feinen Berlin-Zehlendorf gibt es noch Menschen, die Service auch bezahlen können. Im alten Pleitebetrieb mußten auch mal Waschmaschinen repariert werden, wenn sonst keine Aufträge eintrafen.
Und so sitzt er in einem Kabuff von 1,5 mal 2 Metern, das sich Werkstatt nennt, 45 Stunden in der Woche, lötet mit Blei, macht den Rücken krumm und schluckt den Frust darüber, daß er die Ausbildungszeit zwar verkürzen kann, aber am falschen Ende: Statt als Abiturient den Teil der Berufsschulausbildung überspringen zu können, in dem die Grundlagen gelehrt werden, die ihm schon bekannt sind, kann nur das letzte halbe Jahr wegfallen, in dem aber prüfungsrelevante Themen vermittelt werden. Die muß er sich selbst erarbeiten. Erklärt dem zweiten Azubi, der ein Jahr weiter aber ein sehr simpler Mensch ist, was getan werden muß, weil der einzige Techniker und Ausbilder entweder nicht da ist oder bei Kunden. Übernimmt früh auch allein den Kundendienst, fährt den Firmentransporter, erledigt die Bankbesorgungen. Ist oft morgens um 8.45 als erster da und schließt um 19.15 als letzter abends den Laden zu. Kommt nicht zu seiner Mittagspause, da der Verkäufer und der Chef sich ihre Stunde Zeit nehmen.
Weiß immer, daß, egal was er tut, nach dem Ende der Ausbildungszeit Schluß ist.
Die Last der Verantwortung, zuviel Arbeit, schlechte Luft, tagsüber kaum Zeit zum Essen, schwere Geräte schleppen, Frust, Geldknappheit an allen Enden, überall Einschränkungen und zum Schluß noch massive Prüfungsangst - nach drei Jahren als Azubi ist er ein nervliches Wrack. 65 kg bei einer Körpergröße von 1,84 m, nachts Zähneknirschen und Bauchschmerzen.
Zusammenbruch. Aufrappeln. Zusammenbruch. Kein Arzt weiß, woher die Beschwerden kommen, er wird als Simulant abgestempelt. Ist arbeitslos. Bekommt mehr Geld als vorher. Wird wieder gesünder. Freier. Glücklich.
Jetzt ist er Matratzenverkäufer. Und verdient in zwei Dritteln der vorherigen Arbeitszeit das Vierfache. Wozu, außer für den Lebenslauf, also eine Ausbildung absolvieren?
Willkommen im Club, “Azubi”
Ich würd heute auch nicht nochmal Informationselektroniker werden…naja, dafür kann man Fernseher reparieren und son Zeux…geschadet hats nicht, mal sehen was nach dem Zivildienst kommt…
Kommentar von Sushiator am 30. Julie 2007 um 16:11 | Link
Naja nun, ohne irgendeine Ausbildung bekommt man oft gar keinen Job. Meine Lehrjahre waren auch keinen Herrenjahre - aber ich hab’s leicht genommen. Rückblickend hatte ich in diesem Betrieb eine okaye Zeit - aber von dem, was Du da schreibst, hörte ich in ählicher Form auch schonmal.
Kommentar von MC Winkel am 30. Julie 2007 um 16:18 | Link
Standard im Handwerk, “gute” Azubis werden einfach ausgebeutet. Wenn du zeigst das du was kannst isses quasi vorbei..
8-11 Stunden Außendienst, 10-15 Fernseher ausliefern…spaß ohne ende, und ne menge Treppenstufen zu steigen.
Traurig aber wahr, ich möcht das was ich gelernt hab nicht missen, ich wäre auch gern in der Firma geblieben..aber aber…
Kommentar von Sushiator am 30. Julie 2007 um 16:48 | Link
als azubi hatte ich auch so meine päckchen zu tragen. um vier uhr morgens alleine in der küche stehen. schwere lieferungen entgegen nehmen und in die kühlhäuser verteilen. 12 Std tag. 14 Tage am schnitt durcharbeiten. es gibt eben wenig menschen die ihre berufung finden, und dann wird es nicht mehr als last empfunden. aber man muss eben die “berufung” finden.
Kommentar von silka am 30. Julie 2007 um 20:17 | Link
@ Sushiator: und leiharbeiter warst du auch. genau wie er. er durfte pappe falten bei samsung, cola-flaschen verladen und im olympiastadion berlin die sitze putzen.
Kommentar von Julie Paradise am 30. Julie 2007 um 21:43 | Link
Papp-Ständer für Tchibo falten, in einer Woche 40000(!!!!) 500gr. Packungen Kaffee in der Hand gehabt, Farbe anrühren in 10Tonnen Bottichen, Möbel verpacken, und vom Band schleppen (50-70Kilo, auch mal alleine dann)…Kleinteile bei Balda zusammenstecken…alles schon gemacht, für nichtmal 7 Eur die Stunde…
Kommentar von Sushiator am 06. August 2007 um 22:22 | Link