Fast zuviel für einen Tag - Der Weg

Wie versprochen:

Nachdem mich meine todesmutige (?) Mutti also wider Erwarten sicher heimbugsiert hatte, klaubte ich soviel Taptenkleister wie irgend möglich aus meinem Schneewittchenantlitz und -haar und machte mich auf den Weh ins Kino.

Death at a Funeral - Sterben für Anfänger (wie war das mit den dämlichen deutschen Filtitelübersetzungen?) sollte es geben, OV im SonyCenter. Von Schöneweide aus gelangt man am besten mit der S-Bahn dorthin.

Daß man im öffentlichen Personennahverkehr in Berlin immer etwas erleben kann, dürfte bekannt sein, aber ich hätte wachsamer sein sollen: Aus dem Augenwinkel nahm ich neben mir einen älteren Herrn wahr, der an etwas Kleinem herumfummelte. Noch ein kurzer Blick zeigte mir, daß er eine Uhr in den Händen hielt, deren eines Armband sich vom Uhrengehäuse gelöst hatte. Da ich kleine Fingerchen habe und recht geschickt bin, fragte ich, ob ich helfen könnte. In dem Moment, in dem ich meine Frage ausgesprochen hatte, besah ich mir den netten älteren Herrn zum ersten Mal richtig: Es handelte sich um einen sehr sehr dreckigen Penner und warum mir der penetrante Geruch, den er ausströmte bisher verborgen geblieben war, ist ein olfaktorisches Mysterium. Er sah aber so glücklich aus über mein Hilfsangebot, daß ich schwerlich einen Rückzieher hätte machen können. Also verbrachte ich drei S-Bahnstationen damit, neben ihm in der Bahn zu sitzen und an einer wahnsinnig verkeimten Uhr herumzulaborieren, deren widerspenstiges Stiftchen schließlich doch wieder an seinen Platz fand. Er erzählte, daß die Uhr beim Wühlen in einem Papierkorb irgendwo hängengeblieben war, aber er hatte sie heldenhaft aus dem Müll gefischt. Dabei strahlte er mich die ganze Zeit mit einem lieben Kinderlächeln an und wollte mir all seine Schätze aus den Taschen holen, was aber schwer war, denn er hatte an der rechten Hand nur noch den Ring- und den Mittelfinger, an der Linken fehlte der Daumen.

Zum Dank für meine Uhrenrettungskünste bekam ich einen dicken Schmatzer auf die Wange und eine Umarmung. Gequält und angeekelt lächelnd verabschiedete ich mich schließlich und fühlte mich irgendwie so … beschmutzt.

Julie 24, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

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