Meine Erinnerungen an den Schulsport sind nicht die angenehmsten. Schon gar nicht die ans Schwimmen.
Schwimmen in der DDR … genau. Meine Schwester, die zehn Jahre älter und beinah einen Meter und achtzig groß ist, sollte schwimmen, aber unsere geistesgegenwärtige und obrigkeitsresistente Mutti, die uns nie irgendwozu gezwungen hat, nur weil alle anderen das so taten, erlaubte ihr das Schwimmen nicht. Das war eigentlich eines der wenigen Dinge, die Mutti ihr deutlich verboten hat. Heute ist sie froh, daß aus ihr kein Hormonmonster geworden ist, man ahnt ja, wie sowas lief damals.
Von welcher Klassenstufe an wir Schwimmen hatten, weiß ich gar nicht mehr, nur, daß ich in der vierten Klasse gewesen sein muß, als sich so langsam meine Herzerkrankung bemerkbar machte. Was heißt, bemerkbar?
Ich war immer sehr sportlich gewesen, mehr ein kleiner Junge denn ein Mädchen, wie man es sich vorstellt. Da uns Mutti immer die Haare schnitt - wogegen sich mein Schwesterherz sehr viel früher sehr viel energischer verwahrte - sah ich aus wie mein Spitzname suggerierte, oder umgekehrt: Kaktus.
Ich konnte in 5,1 Sekunden die fünf Meter hohen Stangen hochklettern, ich lief die hundert Meter schneller als alle anderen, nur Michi war schneller, aber der konnte ja auch alles, ich habe Kunstturnen gemacht, ganz kurz (andere Geschichte, irgendwann mal), ich war wendig und gelenkig und ausdauernd und stark. Und immer etwas zu dünn.
Bis ich erkältet war, im Herbst 1989. Meine Schwester war zuhause und wollte Baywatch gucken, ich sollte Brötchen aufbacken, die Expressvariante: Kurz unterm Wasserhahn anfeuchten, dann aufspießen und über der Flamme des Gasherdes kross werden lassen. Wir machten Witze über das Wort “knusper”, sie ging zurück in das Wohnzimmer, mir wurde schwindlig und plötzlich war alles anders.
Ich war zusammengebrochen, einfach so, in der Küche. Und ich kam nicht mehr zu mir. Ziemlich lange nicht. Sie weinte und schrie und zerrte an mir, war zittrig und wußte gar nicht, was tun.
Danach begann die Ärztetour. Bekannt war: Bei meiner Geburt setzte mein Herzschlag aus, ich bin mit der Zange in diese Welt geholt worden und hatte als Baby Herzrhythmusstörungen gehabt. Also kein guter Start ins Leben. Danach aber war ich so gut wie nie krank, im Gegenteil, und ich sah auch wie das blühende Leben. Nur mit meinen Augenringen fiel ich schon im Kindergarten auf. Ich mußte also kerngesund sein, folgerten die Ärzte. Das sei die Pubertät, da kippen Mädchen schon mal um, sagten sie. Bis sie einen Schatten beim Röntgen entdeckten. Und Anomalien am Herzen. Und Anzeichen einer Unterversorgung mit Sauerstoff. Plötzlich war ich nicht mehr sportlich, sondern herzkrank.
Aber mit zum Schwimmen mußte ich weiterhin. Wie habe ich das Schulschwimmen gehaßt. Eklige Umkleideräume, ewig verrutschende Badeanzüge, keine Brille tragen dürfen. Können. Ich habe nie gesehen, was ich tun mußte, die Schwimmlehrerinnen waren fiese Drachen, ständig hagelte es Ohrfeigen und hinterher taten mir die Augen weh. Und dieses schreckliche Gefühl im Hals. Nur bis zu den Schultern atmen zu können. Beklemmend. Und tauchen, was gab es Schlimmeres? Die Augen aufzumachen getraute ich mich nie, weil es so schrecklich brannte, mit geschlossenen Augen bekam ich Platzangst. Und dann dafür wieder Ohrfeigen. Nachdem ich einen Attest hatte, durfte ich eigentlich keine langen Strecken mehr schwimmen. Nichts über fünfzig Meter und auch die nicht auf Zeit. Wenn man nur lange genug mit Gewalt bedroht wird (auf den Boden schubsen gehörte auch dazu), schwimmt man als Neunjährige trotzdem mit, ganz brav. Eingeschüchtert. Als ich ohnmächtig im Becken trieb ist ihnen dann wohl aufgefallen, daß es nicht gut war, mich immer weiter zu treiben. Auch dafür setzte es, was wohl? Ohrfeigen.
Das Schwimmen wäre eine einzige Folter gewesen, hätte uns der Weg zur Schwimmhalle im Pionierpalast nicht an riesigen Belüftungsschächten vorbeigeführt. Damals lief gerade (auf Sat1?) die Serie Die Schöne und das Biest und so standen wir zuverlässig jedesmal an den Gittern der Schächte und riefen halb im Scherz und halb ehrfürchtig “Vincent, bist Du da?” und glaubten manches Mal sogar ein Klopfen aus der Tiefe gehört zu haben. Unsere Lehrerin hatte Verständnis für diese Marotte und ließ uns immer recht lange Zeit dafür. Wer nicht um das Gitter herumstand, spielte auf dem Spielplatz vor dem Pionierpalast, in meiner Erinnerung hatten wir stundenlang Zeit, auch weil für unsere Klasse die Schwimmzeiten so gelegt waren, daß insgesamt vier Unterrichtsstunden vergingen, während wir unterwegs waren. Ansonsten gab es nur noch Mathe und Deutsch an dem Schwimmtag, glaube ich. Ich wohnte direkt gegenüber von der Schule und galt als sehr zuverlässig, daher war ich die einzige, die ihren Ranzen nicht mit in den PiPaLa (Pionierpalast) zu schleppen brauchte, sondern ihn zwischendurch nach Hause bringen durfte.
Die Belüftungsschächte und Vincent, da habe ich jetzt bestimmt zehn Jahre nicht mehr dran gedacht. Danke, Anne! Kann sich noch jemand zurückdenken in die Zeit, als es etwas ganz Besonderes war, wenn man noch bis zum Ende des Films aufbleiben durfte, obwohl es dann an einem Wochentag deutlich nach neun Uhr war? Weil eine Doppelfolge “Vincent und Catherine” lief. Weil man brav war. Weil man Staub gewischt hatte? Dabei fällt mir ein: Damals waren die Sendeschienen bei den meisten Sendern noch anders. Punkt acht begannen die Serien am Abend. Zur vollen Stunde. Wann hat sich das eigentlich geändert?
Und wann haben wir aufgehört, “Vincent” zu rufen? Wann war ich das letzte Mal mit der Schule schwimmen? Wann bin ich das letzte Mal mit den anderen um die Wette gerannt, um am Haupteingang als erste die Glassteine zu berühren, die symbolisch für was eigentlich dort in Form eines Sterns eingelassen waren? Und ab welchem Punkt habe ich gemerkt, daß mein Körper nicht mehr tut, was ich will, wo ist der Moment gewesen, an dem ich so abgebaut habe, weil mein Herz viel zu groß, viel zu schwach, völlig überfordert war?
Es muß in diesem Winter 1989 gewesen sein. Die schlimmen sieben Jahre begannen, ich war kein Kind mehr und nicht mehr gesund und unbeschwert. Ich sammelte Schmerzen und Narben.
* Video
Ohohohoho…. Erinnerungsflash…. Schwimmen fand ich schön.
Kommentar von schtoeffie am 23. Julie 2007 um 07:02 | Link
ich fand den schwimmunterricht auch gut,außer man hatte
sein zeuchs vergessen.dann haben ein die herren schwimm-
offiziere nackich ins wasser geworfen, aber ick kann jetz schwimmen!
Kommentar von janingo am 23. Julie 2007 um 09:35 | Link
Für’s FEZ macht mein Ex-Arbeitgeber die Plakate… wie klein die Welt is…
Kommentar von rene am 23. Julie 2007 um 11:49 | Link
Ich fand die Ohrfeigen immer schöner als das Schwimmen!
Kommentar von Korvapusti am 09. Oktober 2007 um 02:48 | Link