Geburtstagswünsche

Ich bin schon ganz aufgeregt: Ich habe in 6 Wochen Geburtstag und wünsche mir einen Locher, der vier Löcher auf einmal macht, ohne daß ich zwei Löcher in der Mitte machen muß, dann noch eines außen, wobei ich garantiert eines der Löcher, die in der Mitte schon da sind, verfehle und daher das äußerste neue Loch nicht mehr den richtigen Abstand hat, was mir garantiert auch bei dem zweiten äußeren Loch passiert und am Ende passen meine Blätter dann nicht in den Ordner und ich bin frustriert und meine Aufzeichnungen sehen aus als hätten sie Masern und ich rege mich auf und will das bloggen, weil ich mir nur eines vorstellen kann, was da hilft und ich hab doch bald Geburtstag, da könnte doch vielleicht sich mal jemand erbarmen und jetzt krieg ich keine Luft mehr.

Natürlich wünsche ich mir keinen solchen Locher zum Geburtstag, sondern freue mich einfach, 27 Jahre alt zu werden. Ist ja nicht selbstverständlich. Wobei: Doch. Fishing for compliments a little, denn nur die Besten sterben jung und früher dachte ich doch tatsächlich, ich wäre so eine Sonderexistenz, daß auch ich einst Scharen von Trauernden um mein Grab versammeln können würde, Fans und Anbeter, die aber erst nach meinem Tod meine Genialität und Größe erkannt haben würden. Bis dahin würde ich in bitterer Armut aber goldpatinierter Sexyness mein Leben als verkannte Künstlerin fristen, nur Äpfel essen und lesend in Parks sitzen, großartige Gedichte schreiben und einfach toll sein. Und so dünn wie N. Da das aber die mit Blindheit geschlagene Welt nicht sieht, darf ich jammern und saufen und Drogen nehmen und schuld sind alle anderen. Am Ende hätte ich recht behalten und im Tod über alle Arschlöcher dieses Planeten triumphiert. Ha!

Wenn ihr mir wehtut, kann ich das noch viel besser - wie bescheuert ist man eigentlich als Teenager? Waren das die Hormone oder hab ich wirklich zuviele Drogen genommen damals? Besser wurde es eigentlich erst, als ich auf Alkohol umgestiegen bin. Das war billiger und irgendwie gar nicht lecker. Zumindest habe ich den Rotwein, den es bei N. gab, nicht vertragen, Bier ist für mich immer noch die widerlichste Plörre und Bongrauchen war auch eklig. So schaffte ich den Absprung von einer heimlichen Existenz als tablettensüchtiger Junkie zu einer auffälligeren Säuferkarriere, die mir so zuwider war, daß ich schließlich kurz bei den Mormomen landete. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wo war der Faden? (Meine Omi fand den Spruch Langes Fädchen - faules Mädchen immer unheimlich witzig und ich finde, er ist, abstrahiert, auf das ganze Leben anzuwenden. Ich bin faul und lange Fädchen können auch lange Sätze sein, aber leider ist es so: Heute kann ich nicht anders. Zuweilen fühle ich mich äußerst parataktisch, da dies hier aber geschrieben werden möchte, gerät etwas von der Schwüle des Tages mit hinein und verwirrt mich. Die Wut vom Vormittag tut ihr übriges.) Genau hier: Kaum zu glauben, aber erst, nachdem das, was ich mir antat, wesentlich harmloser wurde, bemerkte überhaupt jemand, was da vor sich ging. Koksen oder Rotwein - Ersteres konnte ich leichter verbergen. Da inzwischen meine Quellen versiegt waren, mußte jetzt eben billiger Fusel her, den ich mit Tee oder Saft streckte, um es überhaupt noch ertragen zu können. Ohne Rausch aber wollte ich N.s Wohnung gar nicht verlassen oder auch nur die Augen auftun. Immerhin habe ich viel gelernt dadurch: Wie Mädchen sich schminken und benehmen (so eine richtige beste Freundin hatte ich eigentlich nie gehabt), wie Jungs sich geben, wenn sie Mädchen anbeten (lächerlich oder, wie im Falle von E., heldenhaft), wie gern ich mich eigentlich doch wohlfühle und Herrin meiner Sinne bin. Innerhalb eines halben Jahres hatte ich mich durch zunehmende Enthaltsamkeit aus der Gruppe der Kiffer und Siffer herausbewegt, die ihrerseits fröhlich weiter darangingen, ihr Leben zu zerstören. Ich begriff, immer noch jugendlich-arrogant und egozentrisch, daß die Besten zwar mit 27 sterben (ein wenig berauschte ich mich immer noch an der Vorstellung, als verkannes Genie … siehe oben … Äpfel essen … Scharen von weinenden Intellektuellen und mich nun anbetenden Rockstars an meinem Grab … Ruhm/Ehre/Nachwelt blabla), vorher aber etwas geleistet hatten. Und zwar mehr als nur einige Gedichte zu verfassen, die nach einer Lesung bei Weinschorle und Schmalzstulle im Anna Koschke einem selbst scheiternden Jungautor vorgetragen wurden und wohl nur Gehör fanden, weil der Typ scharf auf meine Titten war. Anspruch und Wirklichkeit eben.

Aber welcher Teenager verliert sich nicht in Phantasien, die die Welt bunter und die eigene Existenz schillernder machen, wo man nicht montags mit gesenktem Kopf in die Schule schleicht, weil man wieder die Hausaufgaben nicht gemacht hat. Eigentlich hat sich gar nicht soviel geändert seitdem, könnte man meinen, in Wirklichkeit aber werde ich 27 und freue mich darauf. Ohne späte Rache oder Begräbnisträume. Ein wenig Restarroganz ist vielleicht noch geblieben, aber da arbeite ich dran.

Ich hol mir einen Apfel, will noch jemand?

Julie 19, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

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  1. aber immer.

    Kommentar von westernworld am 19. Julie 2007 um 21:39 | Link

  2. Die Drogenkarriere erinnert mich verdammt an mich selbst… auch schon alles durch sozusagen, und gottseidank lange Zeit hinter mir. Grandioser Text! Danke dafür!

    Kommentar von rene am 19. Julie 2007 um 21:45 | Link

  3. das war ja gar keine karriere. eher eine ausbildung, dann einmal im beruf gearbeitet und seitdem mit kleineren unterbrechungen auf jobsuche.

    inspiriert wurde der text, in einem sehr weiten sinn, übrigens von einem spreeblick-podcast mit johnny haeusler, der stimme meiner jugend, und tanja. ich hoffe, er versteht das nicht falsch …

    Kommentar von Julie Paradise am 19. Julie 2007 um 21:50 | Link

  4. So gesehen ist Arbeitslosigkeit ein durchaus erstrebenswerter Zustand. Und Johnny und Tanja sind zu nett, um was falsch zu verstehen ;-)

    Kommentar von rene am 19. Julie 2007 um 21:53 | Link

  5. *g*

    Kommentar von Julie Paradise am 19. Julie 2007 um 21:58 | Link

  6. ich finde es wirklich schön.
    macht auch mir vorfreude, wenn du dich so freust
    schönes we
    gruss r.l

    Kommentar von roman libbertz am 20. Julie 2007 um 02:37 | Link

  7. Ähm… ich bin allergisch auf Äpfel - aber kannst du mir ne Honigmelone mitbringen wenn du schon auf dem Weg bist?

    Kommentar von SirDregan am 20. Julie 2007 um 09:50 | Link

  8. so eine?

    Kommentar von Julie Paradise am 20. Julie 2007 um 09:54 | Link

Rock my Boat!