Yellow Ledbetter

Pearl Jam in Berlin, Wuhlheide. Spätsommer 2006. * *

Ich gehe allein auf ein Konzert und da zwei Tage später mal wieder eine Prüfung ansteht, nehme ich einige Notizen mit. Die wahren Einsamen erkennt man ja bekanntlich daran, daß sie vor Konzerten allein herumstehen oder sitzen und lesen. Oder rauchen. Mit anderen zusammen auf ein Konzert zu gehen ist für mich eine recht ungewöhnliche und seltene Erfahrung. Immerhin wurde ich dorthin kutschiert, von zuhause ist es nicht weit und der Karpate ließ mich vorn auf seinem Fahrrad mitfahren.

Einen wunderbaren (Sitz-)Platz hab ich erwischt, mittig, links neben dem Soundboard. Bald werden die Plätze neben mir von netten Jungs belegt, Belgier, die mit einem Sachsen, man hört es deutlich, lustig kauderwelschen. Wir kommen ins Gespräch, meine Verbtabellen des Syro-Aramäischen fallen auf. Man bringt mir ungefragt ein Bier mit, Oh, I thought you might like - ah, see, you like it! Now you’re smiling!, wir plaudern. Samuel, Istvan, noch ein Belgier und der Leipziger. Wir besprechen unsere Pearl Jam-Erfahrungen, die Belgier waren in Antwerpen, Madrid und Paris. Da sie alle relativ jung sind, um die 20, haben sie Pearl Jam erst vor fünf bis sechs Jahren entdeckt.

Die Stimmung um uns herum war etwas mau, also begannen die Jungs eine Welle. Und gesungen haben wir. Ich war schon heiser, bevor es überhaupt einen Ton von der Bühne gegeben hatte. Wenn fünf Menschen eine Welle anfangen, wirkt das zunächst ja leicht verzweifelt, aber wenn sie sich nicht entmutigen lassen, gewinnen sie irgendwann auch ihre Mitmenschen für ihre Aktion, und so war es. Als das Stadion beinah gefüllt war, ging die Welle sechsmal durch das ganze Rund. Und wir paar Bekloppten hatten jede Menge Spaß.

Vor der Hauptband kommt bekanntlich der Support. Ich habe die Black Keys nie so recht wahrgenommen, aber die Konstellation Gitarrist und Drummer und das ist die Band hat mächtig beeindruckt an diesem herrlichen Tag.* Blauer Himmel, um die 20 Grad, und das an einem 23. September.

Langsam ging die Sonne unter, die großen runden Laternen wurden erleuchtet und Samuel tauschte mit Istvan den Platz, um neben mir sitzen zu können. Wir plauderten über Gott und die Welt und Pearl Jam, also alles, was von Bedeutung ist und sehnten den Beginn des Konzertes herbei.

Die Akkorde von Go rissen uns von den Sitzen und von da an war die Menge, jedenfalls soweit ich das sehen konnte, eine einzige Masse von singenden, hüpfenden und klatschenden Menschen. (Die komplette Setlist gibt es hier.)

Auch wenn andere die Stimmung gar nicht so toll fanden, für mich war dieser Abend mit das Schönste, was ich je erleben durfte. Um mich herum waren alle am Singen und Tanzen, am Lachen und Hüpfen und Johlen, nur glückliche Gesichter überall. Vielleicht kommt es bei Konzerten wirklich mehr als man denkt darauf an, wer so neben einem steht und wie die Atmosphäre im engsten Umfeld ist. Wobei für mich das perfekte Konzert auch daraus bestehen kann, daß ich nur dastehe, ab und an die Augen schließe, den Klang, die Musik, die auch Schall und Druck ist, fühle, höre, manchmal mit großen Augen zur Bühne schaue und staune, daß ein paar meist merkwürdig aussehende Menschen mit seltsamen Instrumenten diese Töne hervorbringen und ansonsten nicht groß reden möchte, nur mitsingen, manchmal, johlen und grinsen. Ich habe nach den besten Konzerten Schmerzen in den Wangen, weil ich so glückselig lächle. Zwei Stunden lang. Oder länger. So lange eben, wie jemand auf der Bühne steht und das für mich immer noch Unfaßbare geschieht.

Bei Pearl Jam sah es für mich die meiste Zeit beinah so aus, als bereitete Europa der Band ein Fest, als sängen alle dankbar für sie. Es war das einzige Konzert in Deutschland und für Osteuropa, neben dem Auftritt in Prag, daher waren soviele Fans zugereist. Inzwischen kenne ich 53 Menschen, die auch dort waren (die Jungs aus Belgien, einige Freunde, die Busfahrer und alte Bekannte).

Nach Black wurde das tututuututuututuu noch minutenlang weitergesungen, bis es nach und nach im Applaus versank. Der Pearl Jam-Fan weiß schließlich, was die Maßstäbe sind. Durch die weite und legale (!) Verbreitung der Bootlegs und offiziellen Konzertmitschnitte (die übrigens keine Soundboardaufnahmen sind - gelesen bei testspiel) liegt die Meßlatte hoch und es galt im WM-Sommer, die Italiener, die so hoch gelobt wurden als Sänger zu übertrumpfen. Und Spaß zu haben.

“Now we’re gonna play a request” - Footsteps! Samuel hüpfte vor Freude und erzählte mir während der Anfangsakkorde, daß er in Paris ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift Footsteps auf die Bühne geworfen hätte, und jetzt, jetzt! spielten sie es, für ihn, einen Belgier in Berlin, der es sich in Frankreich gewünscht hatte.

Als krönenden Abschluß spielten sie, wie fast immer, Yellow Ledbetter. Und der aufgekratzte, süße Samuel raubte mir einen Kuß.

Julie 17, 2007 | In Soso, Video | | TrackBack-URL

Rock my Boat!