Reisen bildet. Mir doch egal.

Verreisen ist ja so toll. Alle schwärmen davon. - Ich verstehe sie nicht.

Nimmt man Urlaub, lautet die erste Frage: Wollen Sie verreisen. - Nein, ich bleibe mal zuhause. - Ach so. (Das klingt meist enttäuscht und gelangweilt.)

Dem klassischen Verreisen kann ich herzlich wenig abgewinnen: Es ist Sommer und man muß quasi in den Urlaub fahren. Gruppenzwang. Dabei ist es zum Beispiel in Berlin am allerschönsten, wenn alle weg sind. Fahrt doch! Ich mache hinter den meisten von euch erleichtert die Tür zu und freue mich über die Ruhe.

Verreisen ist teuer und stressig. Woanders ist es nie so schön wie zuhause, wo ich mir meine perfekte kleine Welt gebaut habe, mein Nest. Wenn ich von sechshundert Euro leben muß, finde ich es geradezu bescheuert, dreihundert davon in etwas zu investieren, was mich irgendwohin bringt, wo ich tausend kleine Kompromisse eingehen muß. Warum auf zwanzig CDs verzichten, um dann irgendwo anders zu sein. An einem anderen Ort kann ich immer sein, ich muß nur die Augen schließen, oder sie eben auftun und mir meine Umgebung genau ansehen. Oder einen Film. Oder einen Bildband.

Ich bin die letzten Jahre entweder verreist, weil jemand unbedingt wollte, daß ich mitkomme und ich irgendwann nachgegeben habe, oder weil etwas, das ich wollte nur an einem anderen Ort als Berlin möglich war. Für die letzte sieben Jahren heißt das: Roskilde-Festival 2000, viermal Ostsee, dreimal Helenesee, Österreich, Prag, Polnische Ostsee, Türkei, Bulgarien, Hurricane-Festival. Das reicht mir.

Versteht mich nicht falsch, ich mag Menschen, meine Freunde, ich bin gern mit ihnen zusammen, ich erlebe auch gern etwas und besonders Berge finde ich wahnsinnig schön. Aber dieses Hach, Verreisen ist so schön. Mal wieder andere Perspektiven finden. Ein zweites Leben beginnen kann ich nicht teilen. Das heißt doch nur, daß man mit seinem Leben vor Ort nicht im Reinen ist. Und das bin ich, soweit. Mein Rückzugsort bin ich, zuallererst, und dann gleich mein Zuhause.

Immer wenn ich verreist war, wurde mir auch mein Zuhause fremd. Die ersten Stunden wieder daheim sind gruselig, als hätten Kobolde die Dinge leicht verstellt. Das erschüttert mich immer wieder und selbst wenn es nur diese Kleinigkeit wäre, sie allein schon würde mir das Reisen vergällen.

Vielleicht liegt es aber auch nur an den Reisen und Wochenendverschickungen meiner Kindheit: Solange wie meine Schwester noch bei uns gewohnt hat, sind wir jedes Wochenende entweder weggefahren, an die Ostsee, in den Harz, Zelten, oder ich wurde zu meiner Omi geschickt. Wie habe ich mich dann danach gesehnt, endlich wieder zuhause bei meinen Büchern und Stiften und Kuscheltieren zu sein, einfach rauszugehen und zu spielen. Kaum war ich wieder zurück, mußte ich ins Bett, am nächsten Tag zur Schule, in eine AG oder zum Sport. Gehaßt habe ich das, nie zur Ruhe zu kommen.

Am allerschlimmsten war, daß meine Mutti sehr gern umräumte: Oft kam ich nach Hause und mein Zimmer war komplett umgestellt. Das ist das Schlimmste, was man mir antun kann, und wer mir heute eine entsprechende Freude mit einer dieser Einrichtungsserien bescheren würde, hätte ein für alle Male verschissen.

Reisen bildet? Mir doch egal!

Julie 8, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

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  1. “Einrichtungsserien”, möbel oder tine hitler?

    Kommentar von westernworld am 08. Julie 2007 um 15:17 | Link

  2. Tine Hitler, die alte Fettbacke, die meinte ich. So Serien, wo einem ungefragt das Leben umgestellt wird, sind das grausamste, was es gibt.
    Manches Mal sehen die Wohnungen ja hinterher wirklich schöner als davor, aber sowas macht man doch nicht, ohne denjenigen zu fragen! Wenn ich nur überlege, wie es wäre, wenn wildfremde Menschen meine Schubladen ausräumen und entscheiden, was ich noch brauche und was nicht mehr modern ist … ja, auch das ist eine Form von Terrorismus.

    Kommentar von Julie Paradise am 08. Julie 2007 um 15:23 | Link

  3. Liebe Kollegin,
    wenn ich richtig gezählt habe, warst Du in den vergangenen sieben Jahren 14 mal verreist.
    Ich finde, dass ist nicht gerade wenig. Wo also liegt Dein “Ich bin anders als ihr”-Problem, das Dich zu diesem Rechtfertigunspost genötigt hat? Ich sehe es nicht. Willkommen im Club! Fühl Dich wie zuhause!

    Kommentar von Björn Grau am 08. Julie 2007 um 15:32 | Link

  4. ?

    Kommentar von anne am 08. Julie 2007 um 15:44 | Link

  5. Herr Grau, this slight note of justification ist wohl mehr daran ausgerichtet, dass wir immer alle davon reden, wegfahren zu wollen - ganz unabhängig davon, ob wir es dann auch in die Tat umsetzen. Weil mit dem Wegfahren, mit dem Kennenlernen anderer Orte das fassbarste Erleben anderer Perspektiven propagiert wird. Weil nur mit dem Verlassen des Heimatortes die effektivste Erholung möglich scheint. Und wenn alle das sagen, muss etwas nicht stimmen mit den Menschen, die das anders sehen.

    Sorry, Miss Paradise, dass ich hier scheinbar das Wort für Sie ergreife. Es ist mehr ein Versuch meinerseits, Ihre Perspektive zu durchdenken, zu verstehen. Denn ich finde es nach wie vor erstaunlich. Aber hey: Wären alle Menschen gleich, würde einer genügen. ;-)

    Kommentar von miss sophie am 08. Julie 2007 um 15:51 | Link

  6. ich gebe zu
    zuhause ist es nicht am schönsten für mich

    kleine story von meinem nachbarn:
    er ist zahnarzt und hat genug geld um überall hinzureisen
    seine familie (frau + 3 erwachsene kinder) bekommen jedes jahr einen große reise geschenkt (letztes jahr las vegas) und spielen dazu noch immer golf run dum den globus
    und er
    er bleibt zu hause …er ist seit ich ihn kenne ( ca. 6 jahre) nie länger als vieleicht 5 bis 6 tage weggewesen. und wenn das höchstens zu nem ärzte kongress

    und am mittwoch gehts nach bayern für mich

    Kommentar von shubidu am 08. Julie 2007 um 19:53 | Link

  7. miss sophie hat mich verstanden, aber sie war ja auch dabei, als die diskussion stattfand …

    Kommentar von Julie Paradise am 08. Julie 2007 um 23:00 | Link

  8. Ich habe Sie auch verstanden, Frau Julie, und ich habe mich gefreut. Denn mir geht es genauso. Und ich dachte schon, ich wäre merkwürdig ;)

    Kommentar von Sylvie am 09. Julie 2007 um 00:25 | Link

  9. Ich als bisher stille Leserin dieses wunderbaren Blogs möchte kurz sagen: es ist nicht “unnormal”, wenn man nicht zwingend irgendwohin in Urlaub fahren will. Ich muss das auch nicht haben, ich bin gerne zu Hause. My home is my castle. Müßte ich immer woandershin fahren, um Kraft zu tanken, wäre doch mit meinem zu Hause etwas nicht in Ordnung… oder?

    Kommentar von Melanie am 09. Julie 2007 um 09:49 | Link

  10. @ Sylvie: Sind wir nicht alle ein wenig bluna, oder so?
    @ Melanie: Dankesehr!

    Kommentar von Julie Paradise am 09. Julie 2007 um 09:59 | Link

  11. melanie, meine eltern können sich nur woanders erholen, weil sie, wenn sie zuhause bleiben, immer noch im verfügbarkeitsradius ihres dämlichen arbeitgebers sind. insofern ist es genauso wenig unnormal, wenn man sein zuhause gerne mal alleine lässt.

    Kommentar von anne am 09. Julie 2007 um 12:58 | Link

  12. @ anne: okay, hätte ich so einen Arbeitgeber, würde es mich wohl auch in die Ferne verschlagen. und… was ist schon “(un)normal”? ;-)

    Kommentar von Melanie am 09. Julie 2007 um 13:23 | Link

  13. das will ich weder wissen, noch bestimmen. aber irgendwie kommt dieser begriff hier gerade immer wieder auf…

    Kommentar von anne am 09. Julie 2007 um 13:26 | Link

  14. da hätte hinter das normal in dem verreisen verrissen-text wohl noch ein zwinkerchen gepaßt …

    Kommentar von Julie Paradise am 09. Julie 2007 um 13:35 | Link

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