Zuviel gearbeitet, zuwenig geschlafen, noch nichts im Magen und schon wieder spät dran.
Der Blick aus dem Fenster ein Ärgernis.
Keine guten Vorraussetzungen, ihn gutgelaunt von der Arbeit abzuholen, abends um acht. Als nach der ersten Straßenbahnstation auch noch der Akku des MP3-Players leer ist, kann ich mich nur damit trösten, daß mich ein Salat erwartet. Auch wenn man vor dem Schwimmen nicht soviel essen sollte.
Zwanzig Meter von der Tram in den Bahnhof, ich bin klatschnass. Die S-Bahn fällt aus, auf dem Bahnsteig sammeln sich Neonazis. Die ersten Freitagabendausgeher sind unterwegs. Einer der Nazis pöbelt ein Mädel an. Sie lacht ihn aus und läßt den verduzten Grobian einfach stehen.
Endlich, die S-Bahn. Noch ein wenig schlafen? Nein, die Sieg-Heil-Gruppe steigt in mein Abteil. Die Augenbrauen zusammengekniffen, mürrisch, blicke ich sie an, bekomme Kopfschmerzen. Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken, das Frösteln legt sich, die Glatzen steigen aus, ich kann mich etwas entspannen.
Von Schöneweide zum Bundesplatz in drei Minuten - mit etwas Schlaf ist das möglich. Nur die U-Bahn kann ich noch nicht herbeischlafen. Dabei fallen meine Augen zu — Einsteigen bitte! — beinah den Zug verdöst, jetzt bin ich wach, bitte, wartet! Hektik, Herzrasen, Schwindel, ich lasse ich auf einen Sitzplatz fallen. Tief durchatmen, atmen, mir ist schlecht.
Mo-Town: Side-Imbiß und Alanya-Döner. Und Regen, der langsam, während ich müde und lustlos durch ihn hindurchwanke, nachgibt, nachläßt, zu Niesel wird. Das letzte Mal in dieser Straße, es war ein Sommertag, haben mich unzählige Blicke gemustert, vor jedem Kiosk, vor jedem Laden sitzen die alten Männer und verschlingen mit den Augen, was nicht ihre Frauen und Töchter sind.
Sein Laden ist geschlossen, ich klopfe gegen die Scheibe, spähe hinein. Niemand zu sehen. Mißtrauisch mustern mich die Augen der Frau vom Balkon gegenüber. Ich bin zu schlapp um hochnäsig zurückzuschauen, senke den Kopf und warte. Da, Schlüsselklirren, eine Umarmung: “Komm rein.”
Im Hinterzimmer essen wir schweigend, die Pizza ist fast kalt, die Ränder meines Salates bereits leicht bräunlich. Er lehnt sich zurück und ist sofort eingeschlafen. Ich räume auf, wasche ab, zähle noch einmal das Geld für die Bank, schließe die Fenster, blase einige Luftballons auf für die Deko, bringe eine Matratze zurück an ihren Platz, muß mich übergeben, packe seine Sachen und wecke ihn. Wir wollen schwimmen.
Im Auto ist ihm die Musik zu laut, mir zu leise, wir streiten. Bockig blicke ich aus dem Fenster, Verkehrsfunk.
Die Heizung kommt nicht an gegen die klamme Kälte, gegen die Müdigkeit schon gar nicht.
Einparken, Sporttaschen aus dem Kofferraum nehmen, “Hast Du das Autoradio?” Auf dem Weg über den Parkplatz wird der Regen stärker. Der Gedanke, jetzt zu schwimmen, läßt mich noch mehr frösteln.
Kurz vor dem Eingang: “Ich bin müde.”
- “Ich auch.”
“Nach Hause fahren?”
- “Ja.”
Erleichterung. Ich muß lachen - vom Südosten Berlins über den Norden in den Nordosten, um dann festzustellen, daß wir gar keine Lust haben? Der Rückweg ist jetzt verstellt durch die heruntergelassene Schranke. Ich pfeife Limbo Dance, Limbo …, wir beide grinsen.
“Da kommst Du nicht drunter durch, wetten!?”
- “Doch!”
Wir lachen. Halten uns an den Händen, gehen in die Knie, schieben uns langsam voran, unter der Schranke durch, ächzen, lachen, verlieren das Gleichgewicht, liegen am Boden, im Regen, auf dem kalten Asphalt, giggeln, kichern, bemerken die verstörten Blicke einer Autofahrerin, rappeln uns auf wie Käfer, die auf dem Rücken liegen, rennen zurück zum Auto.
Wir gegen die Welt, was macht da der Regen? Die Müdigkeit? Der Alltag?
ich mag deine “reiseliteratur” immer sehr, *dahinschmelz* wehmut is’ was feines, in maßen…
Kommentar von westernworld am 07. Julie 2007 um 21:17 | Link
hier sogar mit happy end
danke!
Kommentar von Julie Paradise am 07. Julie 2007 um 21:21 | Link