Erschrocken drehte ich mich um, fühlte mich ertappt, angesprochen.
Mitten durch die Tram hatte er gebrüllt, hatte wohl seine Frau gemeint, die sich schnaubend auf den Weg machte, zu ihm zu gelangen. War das eines der ruppigen Rituale, die manche Paare mit der Zeit entwickeln und ungeachtet der Umgebung vollziehen?
Schwer atmend erreichte sie ihn, klopfte ihm kräftig auf den Kopf und grinste dabei so schelmisch, wie das ohne Vorderzähne eben gehen wollte.
Hochrot bemerkte ich, daß mich immer noch einige der anderen Fahrgäste ansahen, so heftig war mein Kopf herumgeschnellt, es muß auffällig gewesen sein.
Warum ich mich angesprochen fühlte?
Das hat viele Gründe, verschiedene Gründe.
Zuerst einmal bin ich gerade nie mit den Gedanken dort, wo mein Körper ist. Das verletzt meine Freunde. Gesellschaft fliehe ich mit der Begründung, ich müsse Hausaufgaben erledigen, Arbeitsaufträge erfüllen, die ich dann auch schludrig fertigstelle, lustlos und deutlich unter dem sonst gewohnten Niveau. Beinah asozial eben.
Und der Rest?
Manchmal ist die Selbstachtung nicht eben groß, da paßt auch solch drastische Bezeichnung.
Immerhin, Kinder mögen mich. Zumindest ein Kind. Ich beginne auch langsam, Kinder zu mögen.
Meine kleine Nichte hat heute mit mir gespielt, hat vor Vergnügen gequietscht, mich hin und her gezerrt, mich gar nicht loslassen wollen und schließlich haben wir Zugucken gespielt. Sie liebt dieses Spiel. Beim Zugucken beobachtet sie still und aufmerksam, was um sie herum passiert, merkt sich, was die Erwachsenen sagen und wie sie dabei aussehen, wird immer verwunderter und rennt schließlich zu mir, die ich mit den anderen jüngeren Familienmitgliedern an einem anderen Tisch, nicht in der Laube, sitze. Dann kommt sie auf meinen Schoß, kuschelt sich an mich, berichtet ganz aufgeregt, was da so vor sich ging, bei Oma und Opa und den Tanten. Meist bringt sie einiges durcheinander, daraus machen wir dann zusammen eine mysteriöse Geschichte, an deren Ende ich sie leider abkitzeln muß, das erfordert die Tradition, ohne Kitzeln geht es nicht. Wenn etwas furchtbar Spannendes passiert, muß ich gleich zu ihr, dann hocke ich mich hin, sie setzt sich auf meine Knie und wir analysieren das Gespräch fachfräulich. Dabei achtet sie mehr auf die Gesichter der Menschen als auf die Worte:
- Warum guckt denn der Uwi so ernst?
- Der erzählt von den großen Fischen, die er geangelt hat.
- Freut der sich denn nicht?
- Doch, ganz doll, Spätzchen.
- Und warum guckt er dann so?
- Vielleicht wollte er noch mehr Fische fangen.
- Also freut er sich nicht, weil er nicht genug hat, und jetzt ist er traurig? Wenn Mutti sagt, daß ich genug habe, freue ich mich, weil ich dann nicht mehr brauche. Kann der Uwi sich nicht mehr freuen?
Dabei bekommt sie ganz große Augen, sieht mich betrübt an, reißt sich los und rennt zum ernsten Uwi, um ihm ein Küßchen zu geben.
Sowas würde ich auch gern wieder tun. Den Menschen, die um mich herum traurig sind, ein Küßchen schenken und alles ist wieder gut.

Und wer oder was hindert Dich daran?
:)
Kommentar von robert am 30. Juni 2007 um 22:13 | Link
free hugs für alle!? joa, na dann kommt her!
Kommentar von Julie Paradise am 30. Juni 2007 um 22:24 | Link
na toll
jetzt komme ich mir schäbig vor wenn ich behaupte kinder nicht zu mögen
aber das klingt einfach zu süüß
mit zucker oben drauf
Kommentar von shubidu am 01. Julie 2007 um 01:31 | Link
wenn du ein assoziales stück scheiße bist bin ich dafür das es mehr davon gibt. wäre ein echter fortschritt.
ich war so frei, thanx for the hug. :)
Kommentar von westernworld am 01. Julie 2007 um 15:08 | Link
wenn du komplimente machst, dann richtig, oder ;-)
Kommentar von Julie Paradise am 02. Julie 2007 um 14:41 | Link
Ja, kleine Kinder können sooo niedlich sein wenn sie so niedliche Dinge tun - wenn sie schlafen.
Kommentar von schtoeffie am 03. Julie 2007 um 06:59 | Link
*Knutsch*. Ja, Menschen sollten sich mehr lieb haben. Ich bin dabei.
Kommentar von Ingo Vogelmann am 05. Julie 2007 um 05:32 | Link