Allerleirauh

Es war einmal ein Königskind, wunderschön anzusehen mit gar lieblichen güldnen Locken, und reinen Herzens. Es verlebte friedliche Jahre auf der Burg seiner Eltern, bis feindliche Räuber sie überfielen und alle töteten bis auf das Königskind, das durch einen geheimen Gang zu fliehen vermochte.

Da es nun heimatlos ward und nicht wußte, wohin zu gehen, suchte es Schutz im finsteren Wald, in den sich nicht einmal die Räuber wagten. Es suchte Beeren und aß Früchte, es lagerte sich des nachts auf Moos und lauschte den Stimmen der Vögel, wenn die Wehmut es überfiel. Immer tiefer geriet es in den Wald, Vögel und Rehe waren bald seine Gefährten. Einmal hörte es über sich sieben Raben krähen, da wuchs seine Angst, dies wären die Häscher der Räuber, die es immer noch suchten, und so lief es durch das Dickicht, bis es zu einem hohlen Baumstumpf gelangte. Dort ließ es sich nieder und schlug sein Lager auf.

Als bald der Winter nahte, suchte das Königskind sich ein warmes Gewand zu fertigen, aber ach, es hatte keinen Stoff! Da halfen die Vögel und Rehe und brachten allerlei Rauhzeug, Distelgestrüpp, manches Mal auch Federn und Stücke vom Pelz erlegter Tiere. Daraus nun ward ein Gewand für die einst feine Prinzessin, die immer mehr selbst aussah wie ein Rauhtierchen.

So überstand es den kalten Winter und den Frühling, im Sommer aber legte es sein Gewand ab, auch von den feinen Königskleidern trennte es sich, die schon zerfetzt und schmutzig waren. Es sammelte sich seine Nahrung im Walde und trank aus der Quelle, es sprach mit den Tieren und badete im kühlen Bach.

Eines Tages vernahm es Pferdetrappeln und Stimmen von Männern, eine Jagdgesellschaft war im Walde unterwegs. Es flüchtete in seinen Baum, aber die Hunde hatten es gewittert und führten die Männer zu ihm. Eingehüllt in das Gewand und der menschlichen Sprache kaum mehr mächtig kauerte es ängstlich in seiner Höhle. Der Anführer der Jagd, ein feiner Prinz, hatte Mitleid und befahl, es in Ruhe zu lassen in seinem Wald. Er hatte aber wohl durch das Rauhwerk hindurch gesehen, daß das Rauhtierchen ein gar liebliches Mädchen war, wunderschön in seiner Wildheit, kaum vermochte er, es zurückzulassen.

Zurück auf seiner Burg, träumte er von dem schönen wilden Mädchen. Den ganzen Sommer konnte er sie nicht vergessen, so daß er, als der Herbst nahte und er um das Rauhtierchen in der Kälte fürchtete, auszog es zu suchen. Aber oh weh, der Wald war zu tief, er kannte den Weg nicht und niemand vermochte, sie zu finden. Da sang er auf dem Turm ein Lied voll Trauer und Sehnsucht. Dies hörten sieben Schwäne auf dem Flug nach Süden. Sie erbarmten sich des weinenden Prinzen und versprachen, über dem Wald Ausschau zu halten.

Und tatsächlich, die sieben Schwäne fanden das Rauhtierchen, sprachen ihm von der Liebe des Prinzen und führten es sicher aus dem Wald heraus. In seinem Gefolge waren die Tiere des Waldes und zwitscherten und riefen: Allerleirauh, Allerleirauh, nun ist die Hochzeit, und die Prinzessin des Waldes wird wieder glücklich mit ihresgleichen. Leg ab Dein rauhes Gewand und tanz!

Und so heiratete das Rauhtierchen den Prinzen und wenn sie nicht gestorben sind so leben sie noch heute.

So ungefähr war meine Version des Märchens Allerleirauh, ohne Inzest und dreimalige Verwirrung, dafür mit schönem Ende.

Juni 29, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. wow, war gerade entsetzt, bei wikipedia den eintrag zu allerleirauh zu lesen. das hat nun wirklich nichts mit dem gemeinsam, was ich aus kindertagen kenne! ich finde es sehr beruhigend, dass andere das märchen ebenfalls in dieser doch sehr unterschiedlichen version kennen - mein lieblingsmärchen…

    Kommentar von kym am 22. Mai 2009 um 19:48 | Link

  2. Und ich weiß nicht einmal, ob ich es gut oder schlecht finden soll, daß Kinder solche Grausamkeiten in Märchen (denn es bleiben doch immer noch genug übrig) offenbar so unbeschadet, ja geradezu gedankenlos, übergehen können.

    Kommentar von Julie Paradise am 22. Mai 2009 um 21:17 | Link

Rock my Boat!