Ich würde ja lieber über Textkörper jammern, die mich bedrängen, schließlich kann ich Miss Sophies Gedanken sehr gut nachvollziehen, aber nein, es sind tatsächlich Textmassen, die mich einengen.
Es handelt sich bei den mich bedrängenden Schriften um Texte, die ich für drei verschiedene Publikationen zusammenstellen muß, einmal ein germanistisches und zweimal semitistische Werke, die jeweils 15-20 Artikel enthalten. Da dazu aber noch die Indexe für die einzelnen Artikel, eine Kurzbiographie der Autoren, eventuelle Abbildungen sowie Abbildungsnachweise gehören, habe ich um die 90 Dateien in verschiedenen Bearbeitungsstufen zu verwalten, diese mit den Anmerkungen der Verantwortlichen und Autoren abzugleichen, was natürlich in immer unübersichtlicher werdenden Korrespondenzen ausufert und und und …
Ja, ich überteibe nicht, wenn ich davon spreche, daß mich Textmassen bedrängen. Mich einengen, mir die Luft rauben und den Schlaf. Wie oft wache ich in letzter Zeit nachts auf und ertappe mich dabei, wie ich im Halbschlaf E-Mail-Texte formuliere, etwas, das mir durchaus helfen könnte, wenn ich ohne Brille imstande wäre, diese auch zu notieren, bin ich aber nicht (ja, so blind!). Und so stiehlt es mir den Schlaf, meine Laune nähert sich der eines archetypischen grumpy old man an und meine Umwelt leidet. Noch sprechen alle meine Freunde mit mir, noch, aber wer weiß, wann der erste rebelliert ohne daß ich es ihm verdenken könnte.
Ist es das wert? Ich verdiene mit der Arbeit an den Texten einen Haufen Geld, zumindest für meine kleinen Verhältnisse ist der Haufen groß, und, ohne mich jetzt weiter über Haufen auslassen zu wollen, noch ist es das wert.
Was ich mich bei dem Streß, den ich und andere mir machen aber ernsthaft fragen muß, ist: Bin ich belastbar? Würde ich solche Zustände in der freien Wirtschaft mit noch viel mehr Streß (so ehrlich bin ich auch zu mir) lange durchhalten? Meine derzeitige Situation zur Grundlage nehmend müßte ich die Frage danach mit Nein und Nicht sehr beantworten, was mir angst macht. Wirklich angst macht. Muß ich doch demnach befürchten, einst völlig unterzugehen, wenn meine Aufgaben größere und wichtigere werden.
Ich fühle mich oft wie ein großes Kind, welches staunend feststellt, daß es in Lebenslagen gerät, die mir allenfalls von anderen oder aus Filmen bekannt sind. Ich habe Sex und Schulden, muß mir Gedanken über Kinder oder Verhütung machen, bezahle ernsthaft Steuern und kümmere mich, zumindest oberflächlich, um meinen Versicherungsschutz und die Altersvorsorge.
ICH
Um Dinge wie etwa den halbjährlichen Zahnarztbesuch ordentlich hinzubekommen habe ich lange gebraucht, mein erstes Konto habe ich mit 23 eröffnet, den ersten richtigen Job (offiziell und mit Steuerkarte) hatte ich mit 24 Jahren. Macht mich das unreif? Die Tatsache, daß ich inzwischen legendäre Bands wie Kyuss oder Soundgarden im zarten Alter von 15 Jahren live gesehen habe, mag zwar cool klingen, aber was bringt mir denn so etwas in meinem Leben?
Überhaupt: Mein Leben. Irgendwie kann ich das alles noch nicht ganz - nein, nicht nicht ernst nehmen, aber: in seiner vollen Tragweite erfassen. Wenn es darum geht, daß anderen etwas zustößt oder sie in Not sind, dann fühle ich mit, aber wenn mein eigener Körper streikt oder potenziell in Gefahr gerät, weil ich mir vielleicht mal wieder zu lange zu viel zugemutet habe, behalte ich doch fahrlässig lange das Gefühl, ich wäre unkaputtbar. Nicht daß ich das in der Vergangenheit nicht auch oft genug gewesen wäre, widerstandsfähig und stärker, als alle dachten.
Was mir nun beim Schreiben auffällt: Eigentlich war mir nach Jammern zumute, daß ich soviel Arbeit und Steß habe momentan, aber angelangt bin ich ja irgendwie doch bei der Erkenntnis, daß es bisher letztlich immer gutgegangen ist. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, daher beende ich hiermit mein Tagwerk. Gute Nacht!
Was Dir Kyuss und Soundgarden mit 15 bringen?
Was ist denn das für ‘ne blöde Frage?
Wären Dir Overground und Monrose in dem Alter lieber gewesen? Siehste.
Kommentar von Lars am 19. Juni 2007 um 23:09 | Link
deine rheinische erkenntnis des tages: et hät noch immer joot jejange (rhein. gg §3). halte ich mich auch dran.
Kommentar von r0ssi am 19. Juni 2007 um 23:52 | Link
Genau die Frage - ob ich belastbar bin - habe ich mir Anfang des Jahres sehr oft gestellt, als ich tagelang nicht einschlafen konnte ob der neuen Arbeit, die da ihrer Erledigung harrte. (Und ich glaube, die Angst, nicht belastbar genug zu sein, lies mich letztlich nicht zur Ruhe kommen.)
Und tatsächlich war ich da an einer Belastungsgrenze angekommen. Als sie nicht mehr zu ignorieren war, blieb mir nur die Wahl, mich und meinen Körper ernst zu nehmen. Erstmal schlafen und ausgeruht sein, dann arbeiten.
Als ich das begriffen hatte, waren die Schlafstörungen plötzlich weg. Und inzwischen fehlt mir die Belastung am Wochenende sogar (das ist die andere Seite, natürlich).
Belastbar bist Du, aber nicht gleich mit allen neuen Aufgaben. Du wächst dran, wie immer.
Kommentar von Herman Stein am 20. Juni 2007 um 02:03 | Link
Als Mensch mit den gleichen Gedanken, Sorgen und Ängsten (Generationsproblem?), einzig mit dem Unterschied, sowohl die Arbeitswelt der Universität als auch die der sog. freien Wirtschaft erlebt zu haben (gibt es in Anbetracht des Drittmitteldrucks da überhaupt noch einen Unterschied? Ja, noch gibt es ihn. Noch.), kann ich zumindest eine Sorge relativieren: So viel mehr Stress ist das da gar nicht.
Den Begriff “freie Wirtschaft” höre ich immer nur von Menschen im Umfeld öffentlich-rechtlicher oder staatlicher Einrichtungen. Die Art und Weise, wie hier von der ökonomischen Welt “da draußen” gesprochen wird, lässt bei mir immer ein Bild aufleben, als wäre “dort” jeder einzelne Arbeitnehmer von dem Gedanken an Effizienz und “es geht hier um bares Geld” durchdrungen und würde seine Arbeit komplett danach ausrichten. In gewisser Weise ist das natürlich auch so, weil die Manager und Geschäftsführer und Filialleiter und wie sie alle heißen, mit diesen Begriffen den Erfolg eines Unternehmens steuern.
Im Alltag der Arbeitswelt aber erscheinen einem diese Anforderungen in anderen Begriffen. Da kommt der Chef und sagt: Kunde X hätte gerne ein Angebot, rufen Sie bitte an und machen alles Weitere fertig; Kunde Y kann abgerechnet werden, die entsprechenden Unterlagen hat Kollege A; für Kunde Z müsste noch der Anhang für den Vertrag fertig gemacht werden, das hat aber Zeit bis nächste Woche usw. Der Unterschied zu: Stellen Sie einen Sammelband zusammen inkl. alle Korrekturen mit den Autoren selbst besprechen, Kontakt zum Verlag halten etc. ist nicht wirklich da.
“Hier” wie “dort” gibt es Chefs, die sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst sind oder sie blind und manchmal sinnlos weiter reichen. “Hier” wie “dort” gibt es Chefs, die Personalführung verstehen oder eben nicht. “Hier” wie “dort” hat jeder Einzelne eine gewisse Verantwortung zu tragen und wird für eventuelle Fehler zur ebensolchen herangezogen. “Hier” wie “dort” sind Aufgaben zu erfüllen und es kommt darauf an, mit welcher Einstellung der Einzelne an diese herangeht. Und überall wird während der Arbeitszeit gequatscht, Kaffee getrunken und Zeit vertrödelt.
Und wenn ich mir anschaue, dass du die Sammelbände quasi in eigener Regie fertig stellst, dann kann ich dich beruhigen: Du machst gerade die besten Erfahrungen, um dem Typus “selbstverantwortlicher Arbeitnehmer” vollkommen gerecht zu werden. Denn schlimmer wird das alles nicht, es wird sich nur anders anfühlen.
Kommentar von miss sophie am 20. Juni 2007 um 08:50 | Link
Ich weiß (noch) nicht warum - aber nachdem ich das “JP” und einige der Beiträge gelesen habe, ist jetzt daraus ein Abo geworden ;-)
Und was “Textmassen” anbelangt: Vielleicht ist es tröstlich, dass es “erwachsene Menschen” gibt, die sich ähnlich bedrängt fühlen - und zwar von der jährlichen Steuererklärung… Ich bin dafür, dass die Steuererklärungsphobie oO(warum meckert die Rechtschreibeprüfung jetzt) endlich als Krankheit anerkannt wird!
Kommentar von Stülpner am 20. Juni 2007 um 11:28 | Link