Je länger es her ist, daß ich den Film “Little Children” sah, desto besser gefällt er mir. Und so langsam bin ich auch mit dem Ende versöhnt, mit dem ja gerade Renington Steele bei den Filmfreunden so ein großes Problem hatte.
Anne hatte dem ja schon etwas entgegnet, jetzt gibt es also von meiner Seite einen weiteren Nachschlag.
Ich fasse die Story noch einmal kurz zusammen: Die gelangweilte und frustrierte Hausfrau und Mutter Sarah (Kate Winslet), einigermaßen unglücklich verheiratet und nicht akzeptiert bei den Müttern der Umgebung, trifft auf dem Spielplatz auf den attraktiven Brad (Patrick Wilson), der von seiner beruflich äußerst erfolgreichen Frau Kathy (Jennifer Conelly) in ein Jurastudium gegängelt wird, welches er nie abschließt, weil er nur vorgibt, Abendkurse zu besuchen, stattdessen aber jungen Skateboardern zuschaut.
Ein weiterer Erzählstrang behandelt das Leiden des Pädophilen Ronald James McGorvey, der, frisch aus dem Gefängnis entlassen, von hysterischen Bürgern wie Brads Bekanntem Larry Hedges gejagt wird.
Pointiert zeigt der Film die große Leere im Leben der Protagonisten, die Dummheit und Ignoranz der Vorstadthausfrauen, die Sehnsüchte und Hoffnungen, die Schuld, die alle, besonders aber Larry und Ronnie in ihrem Leben auf sich laden und das Leid, welches daraus resultiert.
Den Hauptvorwurf Renés an den Film, am Ende unglaubwürdig zu sein, weil Menschen Dinge tun, die gegen ihre bisher im Film aufgebaute Persönlichkeit sprechen, kann ich nicht unerwidert lassen, da ich glaube, daß eigentlich jeder genau das tut, was er meint, tun zu müssen, alle handeln äußerst konsequent!
Der Pädophile Ronny leidet zutiefst unter seinem Zwang, seiner Krankheit, nichts anderes ist seine Neigung zu Kindern, und daß er nach dem Tod seiner Mutter keinen anderen Ausweg zur Erfüllung ihres letzten Wunsches “be a good boy, Ronny” sieht, als sich selbst zu kastrieren, ist gar nicht überraschend (meine Mutter ist als Heilerziehungspflegerin ähnlich gelagerten Fällen begegnet, die natürlich nicht so dramatisch endeten, aber der Leidensdruck in solchen Menschen ist enorm und Selbstverstümmelung durchaus üblich). Letztlich darf er den bereits in der Masturbationsszene nach einer Verabredung und mit dem Fahrrad gestreiften Ort, den Spielplatz, auf dem sich sein Verlangen nach Kindern erfüllen könnte aber nicht darf, ja erst betreten, wenn eben dieser Trieb nicht mehr erfüllt werden kann.
Daß plötzlich Larry auftaucht und ihm hilft, erkärt sich dadurch, daß der Arbeitslose, der einst einen Jungen erschoß, bislang seine Hauptaufgabe darin sah, die Nachbarschaft vor Ronny zu beschützen und ihm daher wie ein Schatten folgt. Nach dem Tod von Ronnys Mutter und einem Gespräch mit Brad hat er allerdings bereits vorher eingesehen, daß er sein eigenes schlechtes Gewissen verdrängt hatte und die Wut auf “das Monster” Ronny projezierte.
Sarah reißt wirklich aus ihrem Leben aus, was sie statt der erhofften Zukunft mit Brad am Ende hat, wird nur angerissen, ich deute allerdings, genau wie Anne, eine kurze Szene, in der sie in einem relativ dunklen, engen Zimmer erwacht, so, als hätte sie ihren Mann verlassen.
Brad ging es nie wirklich um Sarah, sein eigentlicher Traum war es, zu den Jungs, den Skateboardern zu gehören, seine Treffen mit der “Bürgerwehr” (? - ich habe den Film in der Originalfassung geschaut, weiß daher also nicht, wie genau die Vereinigung um Larry bezeichnet wird) sind eher der Versuch, sich irgendwo auszutoben und die Nichtzugehörigkeit zu den Skatern vergessen zu machen sowie der Beweis, wie leicht er sich in Verpflichtungen hineindrängeln läßt, ohne klar seine eigentlichen Wünsche zu formulieren. Daß er am Ende statt zu Sarah zu den Skatern findet, ist daher nur folgerichtig, und die Art und Weise, wie er buchstäblich auf die Fresse fliegt, macht ihn in meinen Augen fast noch sympathisch, denn selbst wenn es noch so dämlich und pubertär ist, ohne Übung halsbrecherisch schnell auf einem Skateboard Stunts zu vollführen, muß man ihn dafür bewundern, daß er es, die eine Sache, die ihm insgeheim am meisten am Herzen lag, einfach tut, ohne Rücksicht auf Verluste.
Das nun ist für mich die eigentliche Botschaft des Films:
“Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft liegt in unserer Hand, man muß sie nur beginnen lassen.”
schon seltsam, oder? am anfang dachte ich auch “nicht schlecht”, aber je mehr man drüber nachdachte - und wenn ein film das schafft, ist es schonmal ein gutes zeichen - desto tiefsinniger fand ich den film. dein fazit sehe ich übrigens ähnlich, wobei es in meinem beitrag vermutlich nicht so rüberkam. die veränderung der charaktere ist nicht das, was wir sehen, sondern wird dadurch initiiert. das leben danach können wir uns lediglich denken…
Kommentar von anne am 26. Mai 2007 um 22:01 | Link
vielleicht liest aber auch jeder nur hinein, was er möchte, weil jeder eben aus seiner eigenen lebenswirklichkeit heraus eine andere sicht der dinge hat.
Kommentar von Julie Paradise am 28. Mai 2007 um 14:15 | Link
Lautet nicht exakt so auch der letzte Satz im Film? :)
Habe den gestern gesehen und war ebenso begeistert. Auch vom Ende. Zuhause gab es aber auch Diskussionen. Ist doch super - hat der Film erreicht, was er wollte.
Kommentar von MC Winkel am 28. Mai 2007 um 23:45 | Link