Irgendwann erstarb das Wummern an der Tür

Sie hatte eine Stunde an der Tür geklopft, hatte geschrien, hatte gebettelt, hatte mich beschimpft und mir geschmeichelt, war in den Hof gegangen, um gegen das Fenster zu klopfen.

Sie war lange meine beste Freundin gewesen, nur leider mochte sie Jessica mehr. Ich hatte sie eigentlich meine gesamte Kindheit hindurch verehrt, geliebt, beneidet.

Und jetzt das.

Eine Begegnung im Knaack, nach einem Jahr ohne Kontakt, in dem ich zu mir selbst zurückgefunden hatte, zumindest glaubte, mich wieder gefunden zu haben. Es folgte eine Verabredung für den nächsten Abend am Brandenburger Tor, ich war wie immer zu früh, sie tauchte nicht auf. Ich wartete, begann zu frieren, unruhig auf und ab zu gehen, aufzufallen. Ein Polizist kam auf mich zu, fragte, ob alles in Ordnung sei. Natürlich.

Dann kam sie.

Sie war mir immer wie ein Lichtwesen erschienen, das schönste Mädchen der Welt, aber dort, nachts in Berlin, sah sie krank aus, zerstört. Sie bat um Zigaretten, noch bevor wir uns begrüßt hatten, sie bettelte um Geld, noch bevor ich etwas sagen konnte. Dann brach sie zusammen, einfach so, mitten auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor, röchelnd und mit Nasenbluten. Die Polizeistreife verständigte einen Krankenwagen, ich machte mich benommen auf den Weg nach Haus. Schlief schlecht, dachte an sie, begann besser zu schlafen, vergaß sie und diese Nacht, genoß den Sommer.

Jemand läutete. Ein schönes, sanftes Läuten, bei dem ich mich jedesmal freute, wenn es erklang, selbst den Postboten begrüßte ich für dieses Läuten besonders nett, nur weil er es erschallen ließ.

Sie stand vor der Tür.

Wütend sah sie aus, wirr, aufgequollen, sie machte einen Schritt hinein, schrie, versuchte, mich an der Kehle zu packen, tobte. Wir kämpften, sie war schwächer, schließlich war die Tür zu, draußen sie, drinnen Angst.

Wütendes Wummern an der Tür, an einem Sommertag gegen 2, Heulen, Schreien, Wummern. Betteln, Klagen, Schmeicheln. Wummern. Ich hab mir die Ohren zugehalten, auf dem Sofa gelegen und geheult.

Mai 25, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Puh… ich würd gern was sagen, aber mir fällt nichts Adäquates ein. Es ist fast beängstigend.

    Kommentar von Blabbermouth am 25. Mai 2007 um 09:49 | Link

  2. Irgendwann baut sich eine Distanz auf, die das Gegenüber im Nebel verschwinden lässt. Wenn es allerdings wiederkehrt, ist es schwärzer als je zuvor.

    Kommentar von dan am 25. Mai 2007 um 10:12 | Link

  3. The evil 8th letter?

    Kommentar von MC Winkel am 25. Mai 2007 um 15:37 | Link

  4. Eher eine Mischung aus A, H und S, ich weiß nicht …

    Kommentar von Julie Paradise am 25. Mai 2007 um 15:56 | Link

  5. Wie das dann immer so ist.

    Ich kenne sowas. Habe heute noch regelmäßig Albträume und hasse es.

    Kommentar von MC Winkel am 25. Mai 2007 um 16:36 | Link

  6. @MC Winkel: Eben dafür dann das Bild bei “kein Titel”

    Hab ich vor zehn Jahren gemacht, das Foto, es paßt für solche Stimmungen, weil die Geste so liebevoll ist. Mir hilft das.

    Kommentar von Julie Paradise am 25. Mai 2007 um 17:19 | Link

  7. Was Du so alles mitgemacht hast. Wie langweilig mir mein Leben da scheint. Die eine Sache, über die ich nicht in der Öffentlichkeit schreiben mag, erscheint da fast schon banal vor dem Wust an absurden Erfahrungen, die Du gemacht hast. Und du bist noch sehr ganz, sehr heile, und ich hab so lange an einer Sache gezehrt, zehre immer noch dran. Ich hab mich immer schon viel zu ernst genommen, dachte, am Sich-Ernst-Nehmen hängt das Ego mit dran - und hing es dann irgendwie auch, sehr. Julie wird wohl mein Vorbild werden müssen. An meinen Brüsten arbeite ich ja auch schon. ;-)

    Kommentar von Herman Stein am 25. Mai 2007 um 17:33 | Link

  8. @Herr Stein: Was sollen denn die Leute jetzt über meine Brüste denken? ;)

    Das Ganze ist jetzt schon wieder 6 Jahre her, und dazwischen gab’s ganz viel langweiligen Alltag, Lernen, Leben, liebe Freunde, Liebe an sich und Freude, Sonne und Spaß, da ist es nicht allzu schwer, über manche Dinge soweit hinwegzukommen, daß ich relativ locker drüber schreiben kann.

    Aber: Inwiefern hängt Dein Ego am Dich-Ernst-Nehmen?

    Kommentar von Julie Paradise am 25. Mai 2007 um 17:39 | Link

  9. @Frau Julie: 2!

    Hing es, hing. Über mich Lachen war nie so’n Problem, außer, wenns mir scheiße ging. Irgendwie alles immer zu sehr gewollt, gefühlt, und nicht früh genug die Notbremse gezogen, wenns um mich ging; die wütenden, wirren, tobenden Dinger nicht rausgeschoben. Die Dinge, die mir widerfahren sind, zu ernst genommen, zu wichtig, als wär alles nur für mich und immer mit Sinn geschehen. Mein Ego hing an dem, was mir geschah, weil ich dachte, ich würde es lenken. Alte Egozentrikerchose.

    Wie man sieht, das alte Problem der Kontingenzbewältigung. Erst lief mein Leben vermeintlich teleologisch, dann aus dem Ruder. Naja, und das musste ich erstmal schnallen, dass ich dafür nicht unbedingt immer was kann.

    Kommentar von Herman Stein am 26. Mai 2007 um 00:06 | Link

Rock my Boat!