Manchmal bin ich ja ein wenig neidisch auf Anne und Björn, die mit ihren Studienfächern Skandinavistik und Romanistik Länder erkunden, die man problemlos auch bereisen kann. Bei mir sieht das schon schwieriger aus: Der Nahe Osten gilt als relativ gefährlich, mein eigentliches Interesse läge aber auch eher in Syrien, genauer gesagt im Tur ‘Abdin, einem Gebiet im Südosten der Türkei, wo türkische Aramäer bzw. aramäisch(sprechend)e Christen leben, die entgegen allen Beteuerungen der Türkei, ein toleranter Staat mit Religionsfreiheit zu sein, massiv bedrängt werden.
Im Übrigen läßt die Ausführung des für mich finanziell einzig durchführbaren Planes, nämlich eine Gruppenreise, weiterhin auf sich warten. Wie irgendwo schon mal geschrieben, mein Ivrit ist ganz passabel, Israel ginge also, ist aber eben nicht mein Studienschwerpunkt, mein Arabisch ist armselig und geht eigentlich bloß für ein wenig Qur’an-Lektüre und Grammatik, gesprochenes Arabisch kann ich nur äußerst kläglich verstehen, vom Sprechen mal ganz abgesehen, in den Iraq, wo ich mein Mandäisch anbringen könnte, wird es mich so schnell auch nicht verschlagen, denn dort ist im Moment niemand sicher, im Iran gäbe es noch einen neuostaramäischen Dialekt, den ich ganz gut spreche, um den Urmia-See herum, aber dahin zieht es mich auch nicht unbedingt.
Bleiben also Äthiopien und Eritrea, da mein Spezialgebiet die Äthio-Semitistik, letztlich also die Äthiopistik ist. Klingt soweit so friedlich, ist es aber nicht. Innerhalb Äthiopiens gibt es momentan große Spannungen, nachdem im Mai letzten Jahres freie Wahlen angekündigt waren, die dann wohl doch nicht ganz so frei und korrekt abliefen. Beobachter sprechen jedenfalls von Manipulation. Seitdem kam es immer wieder zu Tumulten, angeheizt unter anderem dadurch, daß die Wirtschaft seit einigen Jahren brachliegt und die Bevölkerung zunehmend verarmt. Äthiopien hat außerdem ein Problem, die verschiedenen Ethnien unter einen Hut zu bekommen, seit jeher gibt es Rivalitäten zwischen den einst die herrschende Schicht stellenden Amharen und den Oromo sowie kleineren Volksgruppen, die Spannungen sollten mit einer umfassenden Verwaltungsreform und Neuaufteilung der Kîllîl genannten Bundesländer gelöst werden sowie mit einer Sprachreform, die es jeder Volksgruppe erlaubt, in der Region, die sie mehrheitlich bevölkert, die jeweilige Sprache als Amts- und Schulsprache zu verwenden, leider hat dieses Unterfangen kaum Abhilfe geschaffen. War es früher die amharische Sprache, die allen geläufig und als Kommunikationsvehikel auch der Kultur der Oberschicht weithin akzeptiert war, sorgt heute die zunehmende Zersplitterung vermehrt für Rassenkonflikte und Separationsbestrebungen. Darüberhinaus schwelt seit Jahren ein Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Eritrea, der Mitte letzten Jahres wieder einmal beinah eskalierte, resultierend aus der willkürlichen Grenzziehung während der italienischen Besatzung in Ostafrika, wobei es eigentlich “nur” um einen wenige Kilometer langen Landstreifen sowie ein Dorf mit Wasserstelle geht.
In Eritrea steht auch nicht alles zum Besten, wie die Lektüre aktueller Zeitungen nahelegt, die übrigens alle gleichgeschaltet sind, was deren Propaganda nur umso deutlicher werden läßt. Karrikaturen und Witze zum Beispiel sind seit einem Jahr entweder verboten oder ähnlich verbogen, wie ich es sonst nur aus DDR-Zeitungen kenne. Die Universität in Asmära ist geschlossen, studieren darf nur noch, wer den letztlich unbefristeten Wehrdienst ablegt, die Lehre findet in Militärcamps statt, wobei “Arbeitseinsätze” die Studenten von allzu eigenständigem Denken abhalten (sollen).
Nach außen bekleckern sich beide Staaten auch nicht gerade mit Ruhm, vermutlich verstecken sich sudanesische Kämpfer in der Tigray-Region im Westen Eritreas, um von dort aus den Darfur-Konflikt voranzutreiben, Äthiopien dagegen ist in der Grenzregion Ogaden in die Kämpfe in Somalia verwickelt, die zum Ziel haben, die muslimischen Kämpfer, die mit dem Aufbau eines Gerichtswesens immerhin so etwas wie Ruhe in das Land brachten, aber die international anerkannte Übergangsregierung stürzten, zu vertreiben. Auch der Streit um den Status der Stadt Dirre Dawa, die formal unter äthiopischer Verwaltung steht, vornehmlich aber von Somalis bewohnt wird, sorgt für Unruhe. Daß neben China auch andere Staaten (wie immer mit im Spiel: die USA) politisches Kalkül und Interesse an den Ölvorkommen der Region haben, verkompliziert die Lage nur noch mehr.
Im Gespräch gab Björn mir zu bedenken, daß es gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme auch in Italien gibt, selbst Skandinavien ist nicht das Paradies auf Erden, insgesamt ist aber die Situation dort eine andere, auch den landesspezifischen Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes zufolge, das zwar auch für Italien eine Warnung herausgibt, die sich aber doch qualitativ deutlich von den Ausführungen zu Äthiopien und Eritrea unterscheidet.
Links:
Auswärtiges Amt Äthiopien Auswärtiges Amt Eritrea Kindersoldatin Äthiopischer Skipionier
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hallo frau paradies. dies ist mein erster eintrag. dankeschön für den sehr informativen artikel. ich schlage mich auch schon seit jahren mit dem gedanken herum, nach äthiopien zu fahren (ich weiß jetzt nicht, ob du schon mal da warst?)
zum einen habe ich die ersten zwei jahre meines lebens da verbracht und dann war ich um die wende herum nochmal da.
Kommentar von sunny am 22. Mai 2007 um 22:40 | Link
liebe sunny, aus oben erwähnten gründen, und eigentlich auch, weil das geld nie gereicht hat, war ich leider noch nie in äthiopien oder eritrea, nicht einmal in israel, weil ich krank wurde, als einmal die möglichkeit einer studienreise bestand.
aber ich würde natürlich gern mal dorthin, auch um meine sprachfähigkeit mal nicht nur an unseren tigrinisch-, oromo-, amharisch- und tigre-sprechern zu erproben. nur: was der professor nach jeder reise erzählt, die fotos, die er mitbringt sowie die berichte einer bekannten, die wegen ihres jobs öfter runterfährt, lassen leider nicht den schluß zu, daß in beiden ländern netter urlaub möglich ist, und auf adventure- und extremtrips stehe ich nicht so …
Kommentar von Julie Paradise am 22. Mai 2007 um 22:47 | Link
ach herrlich, ich beneide dich um diese kenntnise. ich kann nur ein paar amharische floskeln. adventure und extremtrips können spaß machen. allerdings würde ich das auch lieber in einer großen gruppe machen wollen. hey, tipps brauche ich dir nicht zu geben, dafür bist du quasi vom fach und ich nicht. aber vielleicht kannst du was über goethe institut dort hinbekommen?
Kommentar von sunny am 22. Mai 2007 um 22:54 | Link
hhmpf, goethe-institut und reisewarnung verträgt sich nicht besonders gut, zumal das goethe-institut in ‘addis ‘abäba letztes jahr abgefackelt wurde …
nachtrag: ich hab mich wohl zu weit aus dem fenster gelehnt, aber es gab einen brandanschlag auf das gebäude letztes jahr, obwohl die deutschen in äthiopien eigentlich äußerst beliebt sind.
allerdings bin ich auch nicht gerade mit der stabilsten gesundheit gesegnet, so daß mich eine malaria wohl an den rand des todes bringen würde, befürchte ich, und abgesehen vom hochland ist es doch äußerst unwirtlich in beiden ländern (die hitze, die hitze, hechelfächel ;)
Kommentar von Julie Paradise am 22. Mai 2007 um 23:14 | Link
uups! o.k., egal, wird sich für dich schon ein geeigneter weg finden, das land mal zu bereisen.
Kommentar von sunny am 22. Mai 2007 um 23:44 | Link
ach die hitze in addis ist erträglich. und malaria wirste in addis nicht bekommen. im landesinneren müsstest du natürlich aufpassen.
aber, wieso hast du das angefangen zu studieren?
Kommentar von sunny am 22. Mai 2007 um 23:52 | Link
jaaa, also, weiß ich gar nicht mehr so richtig, ist ja schon so lange her, har har.
nein, im ernst: ich hab mit germanistik und evgl. theologie angefangen, bin darüber und hebräisch in einen sprachkurs zum syrisch-aramäischen gelandet (viele viele theologische texte!) und irgendwann in der semitistik hängengeblieben, was wohl auch daran liegt, daß dort nur so um die 40-50 hanseln unterwegs sind und wer immer das haus betritt, wird nur sehr ungern wieder fortgelassen, da das institut um sein überleben bangt und hauptfachstudenten eben rar sind, ja, ich glaub, so war das ;)
ich hab mir sagen lassen, daß einer der besten arabisch-kenner in deutschland (kein name jetzt) ein miserabler (aus)sprecher, dafür umso besserer grammatiker und kenner der literatur ist, man muß also nicht immer direkten kontakt zum land haben, um die philologie, besonders in vergleichenden disziplinen, voranzubringen.
Kommentar von Julie Paradise am 22. Mai 2007 um 23:59 | Link
o.k.! ;) geht mir ja mit meinem anglistik/amerikanistik - studium ähnlich. ich war noch nie in den usa (obwohl ich einige amerikaner kenne und die kastanienalle am sonntagabend klein-amerika zu sein scheint;))
hat mich einfach nur interessiert, ob du da einen background hast!
schöne nacht noch!
Kommentar von sunny am 23. Mai 2007 um 00:11 | Link
nein, background habe ich da leider nicht weiter, aber dafür haben wir uns besser kennengelernt und ich habe gemerkt, daß horn-von-afrika-content doch jemanden interessiert ;-)
Kommentar von Julie Paradise am 23. Mai 2007 um 00:16 | Link