Seit sechseinhalb Jahren fahre ich mit dem Bus zur Uni, beinah jeden Tag, hin und zurück. “Warum fährst du nicht mit der S-Bahn, geht doch viel schneller?” - Wenn ich dann sage, daß es mir egal ist, zwanzig Minuten länger unterwegs zu sein, um schöner unterwegs zu sein, entspannter, zucken manche mit den Schultern, als wäre bei mir Hopfen und Malz … Ich liebe es einfach, mit dem Bus zu fahren.
Anfangs wußte ich gar nicht, wo ich bin, dann begann ich, mir erste Stationen zu merken, einzelne Gebäude, Straßen. Ich erkannte Plätze wieder, die ersten regelmäßigen Mitfahrer fielen mir auf, und ich bemerkte, daß außer mir niemand von einer Endstation zur anderen fuhr.
Mein Bus ist ein ExpressBus, das heißt, er hält nur an jeder dritten Haltestelle, nur an wichtigen Kreuzungen, um schneller zu sein. Ich bin verwöhnt von diesem Bus, weil er durch die Stadt braust und rumpelt, andere Busse überholt, von Schöneweide nach Dahlem und zurück, er ist der König der Busse in Berlin. Für mich zumindest. Immer wieder steht die Streichung der Strecke zur Debatte, jedesmal wird mir angst und bange, obwohl es andere Möglichkeiten gäbe, zur Uni zu kommen.
Das ist mein Bus. Das ist meine Stunde. Ich bin nicht zwanghaft, nicht mehr, aber bestimmte kleine Rituale festigen mein Leben, verschaffen mir Sicherheit und Ruhe. Diese Stunde im Bus ist sicher das wichtigste davon. Ich warte in Schöneweide auf ihn, er enttäuscht mich nur ganz selten, läßt mich manchmal zappeln, hat nur mich viermal versetzt in all den Jahren und umso öfter erfreut, hat mich in den Schlaf gelullt, hat mich durch die Stadt gebracht, hat mich gewärmt oder erfrischt, hat mich beruhigt. Hat mir Zeit für Romane und Muße für Musik geschenkt. Hat mir gezeigt, was für nette Menschen ich kenne, weil einer der Stammbusfahrer auf der Strecke mein inzwischen ehemaliger Nachbar ist. Wenn ich ihn an der Endhaltestelle treffe, läßt er Pause Pause sein und wir plauschen vergnügt. Er zeigt mir Photos von seinen Kindern und ich erzähle, wie mein Studium läuft und das seit Oktober 2000 so ein- bis zweimal im Monat.
Nach einigen Wochen fiel mir ein junger Mann auf, vielleicht 30, der bis zu den Gropiuspassagen fuhr. Er sah sympathisch aus, offen und freundlich, und hatte immer irgendein dickes Buch in der Hand, Science Fiction. Ich hatte meist irgendein dünnes Buch in der Hand, damals, Reclam. Wir haben im Sommer 2001 begonnen, uns fröhlicher, merklicher zuzunicken. Wenn er mal einen Morgen nicht an der Haltestelle stand, fehlte mir bald etwas, wenn ich zu einer anderen Zeit fuhr, nickte er mir am nächsten Tag umso freundlicher zu. Ich glaube, vor Ostern 2002 hat er mich das erste Mal angesprochen, er hat wohl etwas wie “Schöne Feiertage!” gesagt, das Eis war gebrochen. Ab da grüßten wir uns, aber es dauerte nochmal ein Jahr, bis zum Sommer 2003 (ich hab in meinem Tagebuch nachgeschaut), um eine Unterhaltung anzufangen. Und dann waren wir mittendrin.
Ich freute mich jeden Morgen darauf, ihn zu sehen, wir redeten über dies und das, erzählten uns von den Büchern, die wir gerade lasen und diskutierten, wie hochtrabend oder schundig unsere jeweilige Lektüre war. Stephan, mein Busfreund. Er nahm sogar in Kauf, wegen mir 20 Minuten zu früh auf Arbeit zu sein, weil ich sonst 10 Minuten zu spät zum Unterricht gekommen wäre. In Schöneweide sind wir uns zu der Zeit nur einmal begegnet, in der Straßenbahn, morgens, vor dem Bustreffen. Wir waren beide irritiert, haben uns auch erst an der Haltestelle zusammengesellt und mußten lachen. Irgendwann letztes Jahr, es war noch kalt, sagte er, er hätte einen anderen Job, bald. Schade. Seitdem wartet niemand mehr auf mich, am Bus.
Aber es gibt ja auch noch andere Menschen in meiner morgendlichen Welt: Die Frau, die immer bis Lichterfeld Ost fährt, russich sieht sie aus und hat vor kurzem ein Baby bekommen, die andere, sie steigt Stanzer Zeile aus, hat einen Hund, ich glaube, seit November, im Winter hat sie ihn in einer Tragetasche gehabt, jetzt darf er allein laufen, und winselt die vierzig Minuten, die er im Bus sitzen muß, hinter mir. Ich sitze nämlich, wenn es geht, immer an der gleichen Stelle, in der Mitte links im Winter, wenn man für jede Sonnenstrahl dankbar ist, rechts im Sommer, wenn die Sonne morgens schon brennt. Die Frau mit dem Hund sitzt immer entgegen der Fahrtrichtung hinter mir, und neuerdings eben mit Hund. Auch sie wechselt die Seiten mit der Jahreszeit.
Und der liebe Junge, wie könnte ich den nicht erwähnen? Schön ist er, nicht pubertär-dämlich oder nur niedlich, bildschön ist er. Wie alt mag er sein? Sechzehn, siebzehn? Im Rhythmus von vier bis fünf Monaten läßt er sich die Haare wachsen und scheren, er hat schöne, dicke, lockige Haare, und Augen, in denen ich versinken könnte. Ich werde manchmal rot, wenn ich ihn sehe, grinse aber trotzdem verschmitzt, er lächelt meist nur unsicher. Seit eineinhalb Jahren fährt er mit dem Bus zur Schule, neuerdings hat er den Slipknot-Aufnäher gegen einen von Tool getauscht, der alte war wohl abgefallen, er hing nur noch in Fetzen an der Lasche seines Rücksacks. Er steht meist vorn im Bus, wartet zwei Haltestellen, bis seine Freunde einsteigen, von denen einer der Anführer, der Coole im Freundeskreis zu sein scheint, mein hübscher Junge blickt ihn manchmal verstohlen von der Seite an, als könnte er so sein Geheimnis erraten - wie gern würde ich ihm sagen, daß alles gut wird, daß alles gut wird und besser, daß ihm mit diesen Augen die Welt offensteht, daß … naja, ich träume eben gern im Bus.
Im Winter träumt es sich am besten im Bus, alles ist schummrig, und vor Weihnachten kann ich mich kaum an der Garten- und Fensterdekoration sattsehen, besonders im feinen Westen. Mein Bus fährt nämlich von Ost nach West, einmal quer unter der südlichen Linie der Stadtbahn hindurch, manchmal fühlt es sich gar nicht so an, als sei ich in Berlin, auch das mag ich so an der Strecke. In Schöneweide ist es, wie es eben ist in Schöneweide, es macht sich, aber schön geht anders, und was die Weide angeht - die einzige Weide, die ich hier kenne, ist verdorrt, an einem kleinen Teich auf der Drachenwiese der Wuhlheide, im Trinkwasserschutzgebiet. Johannisthal, Blaue Lagune (Eisdiele) und Kino Astra, neuerdings nach veränderter Streckenführung Späthsfelde, Rudow, Buckow, Mariendorf, Marienfelde, Lichterfelde, Dahlem. Auf dem Weg verschiedenste Viertel, Kleingartenanlagen, eine Autobahnbrücke, ein Einkaufszentrum, Hochhausghetto, Einfamilienhäuser, ärmliche und langsam schönere Häuser, gutbürgerlich, neureich, Industrieparks, IBM, Bauhaus, etwas heruntergekommene Häuser, Villen, auf einmal, in einer Straße, die gar nicht für Busverkehr ausgelegt ist, ein Teich, Autohäuser. Siebzehn! Ich komme jeden Tag an siebzehn Autohäusern vorbei! Und an einem Ausstellungsraum für Kamine. Gemütlich sieht es da aus, besonders im Winter.
Je öfter ich die Strecken fahre, umso kürzer erscheint mir meine Reise, umso schneller vergeht die Zeit, bis ich mich sammeln muß, meine Tasche nehmen, meinen Sitz verlassen, aussteigen.
Phhf, S-Bahn …
Original+Kommentare
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Kommentar von westernworld am 06. Juni 2007 um 06:58 | Link
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Kommentar von Logopäde am 06. Juni 2007 um 12:41 | Link