Ich habe eine Nähmaschine geerbt.
Nachdem meine Oma im November starb, war es schwer mitanzusehen wie die Verwandtschaft ihr Haus plünderte, obwohl doch eigentlich nur meine Mutti in dem Haus aufgewachsen ist, das nun mit gierigen Augen nach Verwertbarem durchsucht wurde. Eine Tante ist mit Kisten voll Geschirr und Bettzeug und Kleidung abgerückt, sie hatte sich extra den Kombi einer Freundin ausgeliehen um mehr mitnehmen zu können.
Meine Schwester hat viel von Omis Handarbeit bekommen.
Meine Mutti renoviert jetzt ihr Haus.
Und ich repariere die Nähmaschine.
Wenn es irgendetwas gibt, das ich immer mit meiner Omi verbunden habe, dann war das das Nähen. Sie hat auch sonst viel Handarbeit gemacht, wirklich sehr schöne Decken gehäkelt und geklöppelt, Eierwärmer, Kissenbezüge und Topflappen, Kuscheltiere und Schals, nicht ganz so schöne Strickkleidchen, und supermodische Jacken - zumindest nach den Maßstäben von 1986. Vor allem aber hat sie genäht.
30 Jahre lang hat sie als Näherin gearbeitet, hat fast jeden Tag mit geradem Rücken an der Maschine gesessen, der Rücken, darauf hat sie immer geachtet. Gerade zu sitzen, aufrecht zu gehen, einen festen Charakter zu haben, das war für sie eins. Haltung bewahren, egal, wie es in einem aussieht. Bis zum Schluß ist ihr das bewundernswert gelungen.
Die letzten Jahre konnte meine Oma nicht mehr richtig sehen, sie litt an Grauem und Grünem Star, deshalb ist die Nähmaschine etwas heruntergekommen und verstaubt, an einigen Stellen ist das gußeiserne Fugestell sogar angerostet, aber sie funktioniert noch einwandfrei. In den 50er Jahren, als meine Großeltern nach Berlin kamen, wurde sie gebraucht gekauft, meine Omi hatte mir einmal erzählt, daß die Maschine so alt sei wie sie. In diesem Jahr wären das 89 Jahre.
Ich habe alle beweglichen Teile ausgebaut und gereinigt, die Mechanik geölt, die Holzwürmer vertrieben, den Lederriemen, der den Antrieb des Fußpedals weitergibt, gefettet und wieder zusammengenäht, das Holz lackiert, das Metall poliert, den Unterbau abgebürstet und mit Hammerit gestrichen und bei all der Arbeit oft an meine Omi denken müssen. Und daran, daß außer mir niemand an der Nähmaschine, an der sie soviele Jahre gesessen hat, interessiert war.
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Rock my Boat!