Kloß im Hals

Vorhin hat Nerdcore-René auf die Verleihung des Pulitzerpreises 2007 an Renée C. Byer hingewiesen. Sie wurde ausgezeichnet für eine Fotodokumentation, die den vergeblichen Kampf eines Jungen gegen den Krebs zeigt, sowie die Liebe und Wut und Trauer der Mutter.
Die Fotos haben schlimme Erinnerungen in mir hochkommen lassen. Mit 10 Jahren (1990) wurde bei mir ein Herzfehler diagnostiziert und behandelt, der angeboren ist, sich über die Jahre aber deutlich verschlimmert hatte. Im Zuge der Behandlung wurde eine Gewebeanomalie im Bereich der Speiseröhre auf einem Röntgenbild gefunden. Da niemand Ursprung und Charakter dieser sich verändernden Anomalie kannte, bin ich von der Berliner Charité, wo ich behandelt wurde, zur Aufnahme auf Station 2A bestellt worden. Im Haupthaus irrten meine Mutti und ich erst einmal eine Zeitlang herum, denn die Hinweistafel im Erdgeschoß wies 2a als Urologie aus - wo ich schwerlich etwas zu suchen habe. Schließlich fragten wir eine Krankenschwester, an wen wir uns wenden könnten, sie überlegte eine Weile, bis ihr Gesicht einen Ausdruck des Entsetzens annahm und sie auf das Schreiben der Charité wies: 2A ist die Kinderkrebsstation. Sie beschrieb uns den Weg. Selten habe ich meine Mutti so angespannt und besorgt gesehen. Ich glaube auch, dies war einer der Momente, in denen ich merkte, wie hilflos auch Erwachsene sein können, wie sehr sie mich liebt und wie weh ihr die Vorstellung tat, mir könnte etwas passieren. Herzfehler hin oder her, aber Krebs?
Auf Station 2A angekommen, war das erste, was ich sah, ein stockdürres Mädchen mit Glatze. Ich hatte so dünne Kinder vorher nur im Fernsehen gesehen, in Berichten über Hungersnöte. Meine Mutter war mit dem Stationsarzt mitgegangen, ich sollte auf dem Gang warten. Eine Schwester sprach mich in einer fremden Sprache an, da ich nicht verstand, wiederholte sie ihre Frage, bis ich auf deutsch fragte, ob sie kein deutsch könne. Später reimte ich mir zusammen, daß sie mich, aufgrund meines russischen Namens, für eines der (weiß)russischen Krebskinder hielt, die kurz nach der Wende (unter anderem mit Spendenmitteln) in der Charité und woanders in Deutschland behandelt wurden.
Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich auf der Krebsstation.
Glaubt mir jemand, daß die meisten Kinder, egal ob deutsche oder russische, die sich nur mit Schwestern verständigen konnten, egal ob mit Glatze oder amputierten Gliedmaßen, sich trotz allem fast wie normale Kinder verhielten? Unterricht gab es auf dieser Station nicht (anders als etwa auf der normalen Kinderstation oder sogar auf der Intensivstation - ja, ich habe Deutsch- und Mathestunden gehabt, 4 Tage nach einer Operation, mit Schläuchen in Mund, Hals und Brustkorb), worüber sich alle freuten. Wir haben den ganzen Tag gespielt, oft Vier gewinnt, manchmal Fange, mit denen, die sich bewegen durften, wir haben Disney-Videos geguckt und uns alle geärgert, wenn mal wieder die Berliner S-Bahn vorüberfuhr, 15 Meter Luftlinie vom Fernsehraum entfernt, wobei das Fernsehbild krisselte und der Boden vibrierte. Von den teils sehr unangenehmen oder gar schmerzhaften Untersuchungen haben wir meist geschwiegen, da die Schwestern uns einschärften, daß wir Älteren den Kleinen damit Angst machen würden.
Auf meinem Zimmer lagen anfangs drei andere Mädchen, sie waren zwischen acht und zwölf Jahre alt. Ich habe ihre Namen vergessen, aber ich habe die Bilder noch vor mir. Eine hatte einen Tumor hinter dem Auge, der an meinem zweiten oder dritten Tag dort entfernt wurde - mitsamt ihrem Auge. Ich habe sie durch die Glastür und den Plastikvorhang des Isolierzimmers gesehen, in dem sie lag. Ein anderes, russisches Mädchen durfte gar nicht mehr aufstehen, als ich ankam, wenige Tage später ist sie von ihren Eltern abgeholt worden. Auf meine Frage, ob sie denn jetzt gesund sei, wurde mir ausweichend von ihrem Vater geantwortet, daß jetzt alles gut sei. Mehr deutsch konnte er nicht. Dem dritten Mädchen war der rechte Unterarm amputiert worden, was uns in der zweiten Woche, als es ihr besser ging, nicht daran hinderte, Kissenschlachten zu veranstalten. Sie durfte auch bald nach Haus, so daß ich die letzten drei oder vier Tage ganz allein auf dem Zimmer war. Ich habe damals alles so hingenommen, erst im Lauf der Zeit stiegen die Bilder ab und an in mir hoch, so wie jetzt wieder.
Ich selbst bin schließlich operiert worden, bei der Untersuchung des von meiner Speiseröhre entfernten Gewebes stellte sich heraus, daß es eine Art Extra-Speiseröhre, ein Speiseröhrenblinddarm quasi gewesen war und die Veränderungen auf den Röntgenbildern von Nahrungsresten herrührten, die sich dort gefangen hatten. Insgesamt also harmlos und bei dem sonstigen Chaos in meinem Brustkorb (Herz auf der rechten Seite u.a. Kleinigkeiten) auch nicht mehr verwunderlich.
Damals habe ich nach insgesamt drei Operationen am Brustkorb innerhalb eines Jahres 32kg bei 1,60m gewogen, und was mir am stärksten von allem in Erinnerung geblieben ist, ist das Gefühl der Schwäche. Ich glaube, die anderen Kinder hatten auch mit am meisten darunter zu leiden, daß etwas mit ihrem Körper geschah, das sie nicht beeinflussen konnten. Mit dem Schmerz konnten fast alle heldenhaft umgehen: Manchmal gab es Situationen, wo eine gefühlige Krankenschwester es nicht fertigbrachte, eine Spritze oder einen Tropf in ein völlig zerschundenes Ärmchen zu setzen. Dann haben wir andere Stellen vorgeschlagen, wo es gerade nicht so wehtat oder wo keine Narben und Schwellungen waren.
Irgendwie verging die Zeit wie im Fluge, dann wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, alles war gut, ich durfte wieder zur Schule gehen und mußte nicht einmal die vierte Klasse nachholen, worauf ich damals sehr stolz war, denn ich hatte beinah das gesamte Schuljahr verpaßt, die Narben heilten und bis auf kleinere (oder größere) Probleme mit meinem Herzen war die Welt in Ordnung.
Heute bin ich dankbar für jeden Moment, den ich z.B. einem Bus hinterherrenne, fühle, wie mein Herz schlägt, wie lebendig und (verhältnismäßig) kräftig ich bin, wie ich schwimme oder fahrradfahre, denn das Gefühl, zu schwach zu sein, auch nur die Augen zu öffnen, ist für mich immer noch mit das Schlimmste. Vor allem aber bin bin dankbar für die Unfähigkeit des Menschen, Schmerzen zu erinnern.

Original+Kommentare

April 20, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 08.08.2007 - Julie Paradise — Poke
  2. 30.08.2007 - Julie Paradise — Narbenstöckchen
  1. Beim stöbern im Internet habe ich deinen Artikel gefunden und ihn gelesen. Er hat mich sehr berührt da ich auch seit langem vor habe meine Erinnerungen zu schreiben. Mir wurde als ich 13 war zuerst die Hand und ein Jahr später der Unterarm wegen Krebs amputiert. Derzeit bin ich im Studium, kann mit meiner Behinderung ohne Probleme leben da der Krebs besiegt worden ist. Aber die Erlebnisse und die lange Zeit im Krankenhaus sind noch ganz tief im Gedächtnis.

    Machs gut… Julia

    Kommentar von Julia Merkel am 14. Juni 2008 um 21:04 | Link

Rock my Boat!