Warum ich mich ungern über Politik äußere - und was das vielleicht mit dem Geschlecht zu tun haben könnte

Wenn in meiner Umgebung eine (politische) Diskussion stattfindet, verhalte ich mich meist ruhig. Ich höre zu, beobachte, lerne, staune. Bewundere die, die ihre Position nachvollziehbar machen, eigene Unzulänglichkeiten und Informationslücken zu überwinden trachten und auf den Diskussionspartner - nicht -gegner! - eingehen. Versuche, verschiedene Positionen zu verknüpfen, verliere manchmal die Konzentration, weil oft ein Punkt erreicht ist, an dem man sich doch nur wieder anschreit und alles aussichtslos scheint. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.
Björn Grau hat es, glaube ich, aufgegeben, mich in (politische) Diskussionen verwickeln. Er ist ein guter Freund von mir, aber ich habe ihm einmal geschrieben, daß ich nicht mehr mit ihm über Politik diskutieren möchte, weil er besser und häufiger argumentiert.
Vielleicht habe ich damit eine Schwäche zugegeben, die viele Frauen (meist unnötigerweise) zu haben glauben, vielleicht ist das mangelnde Selbstbewußtsein oder Durchsetzungsvermögen erziehungsbedingt (Der Spruch “Die Jungs machen, die Mädchen versuchen” war der Lieblingsspruch unseres Klassenlehrers auf dem Gymnasium, ich habe ihn beinah täglich zu hören bekommen über sieben Jahre hinweg), vielleicht entspringt die Zurückhaltung aber auch der Einsicht, daß es nicht nur Anführer, sondern auch Angeführte geben muß, die allerdings nicht wie dumme Schafe folgen, sondern reflektieren, wo sie stehen und erkennen, wer ihre Position vertritt.
Nicht jeder, der sich nicht äußert, hat per se nichts zu sagen. Manchmal ist man mit seiner eigenen Entscheidungsfindung erst dann zu einer Meinung gelangt, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Dann war zwar die eigene Beschäftigung mit dem Thema nicht umsonst, aber einbringen kann man diese nicht mehr. Manche sind eben bedächtiger als andere und ich habe es satt, als naives Dummchen abgetan zu werden, nur weil ich mich, oft aus Unsicherheit, lieber erst einmal nicht äußere, bis ich nicht halbwegs mit den Feinheiten des Themas vertraut bin. Bei vielen Themen ist lustiges Daherplappern nun einmal nicht angemessen, davor habe ich Respekt. Oft sind auch die Quellen trübe, aus denen die Informationen stammen, die Wahrheit kann von einer Seite aus eine andere sein als aus einer anderen Perspektive. Emotionen spielen eine Rolle, Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Es gibt viel Grau, viel Sowohl-Als-Auch. Überdies: Nicht jeder muß immer zu allem etwas zu sagen haben. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.
[20.4.07, 9.46 - Nachtrag: Mitmachen! Mein Brief ist schon auf dem Weg.]

Original+Kommentare

April 19, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 15.06.2007 - Julie Paradise — Ich würde Ihnen ja so gern recht geb [...]

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